Ein Mega-Alphaweib

Erstmals in der Kellerbühne und eine lohnende Entdeckung: Die musikalisch hochvirtuosen und kabarettistisch hemmungslosen Annamateur & Aussensaiter. Ein pralles Vergnügen.

Andreas Stock
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Lustvoll in der Pose: Anna-Maria Scholz alias Annamateur in der Kellerbühne. (Bild: Michel Canonica)

Lustvoll in der Pose: Anna-Maria Scholz alias Annamateur in der Kellerbühne. (Bild: Michel Canonica)

Manchmal reichen Worte kaum aus. Annamateur & Aussensaiter sind so ein Fall. Ein Bühnenereignis, das man erleben und nicht darüber lesen sollte. Die Beschreibung als «Chansonabend» wird dem süffigen Programm «Walgesänge» von Stimmwunder Anna-Maria Scholz und ihren begnadeten Instrumentalisten Christoph Schenker (Cello) und Reentko Dirks (Gitarre) nicht gerecht.

In die Schublade «Musikkabarett» passen sie auch nicht so recht; dafür ist ihre Klasse und Bandbreite von Jazz, Soul, Tango und Bossa bis zu Rock und brachialer Opernparodie bei aller Experimentierfreudigkeit viel zu virtuos.

Ohrenschmaus und Komik

Eigentlich beginnt die Tücke der Beschreibung bereits bei der Stimmgewalt Annamateurs: Mahalia Jackson, Billie Holiday, Nina Simone, Cecilia Bartoli und Nina Hagen scheinen sich stimmlich im fülligen Körper von

Anna-Maria Scholz vereinigt zu haben; und sie alle wollen sich manchmal im selben Lied Gehör verschaffen. Phänomenal, wie sie ihre Stimme innert Kürze kaleidoskopisch ändert; wie sie röhrt und jault, haucht und stöhnt, säuselt und jubiliert. Eine Gesangsausbildung hat einst den Boden geebnet, um nun in vokale Sphären abheben zu können, die kaum Grenzen zu kennen scheint.

Die berührende Melancholie eines jiddischen Tangos trifft auf die akustisch-pfiffige Interpretation von Jacksons «Bad», eine Polka von Tom Waits auf «Smells like Teen Spirit» von Nirvana.

Spöttisch und durchgeknallt

Das Hörerlebnis ist das eine, wie die Songs präsentiert werden, das andere. Denn die 33jährige Sängerin verfügt über einen hemmungslosen Humor und ein schauspielerisches Talent, dass das Publikum aus dem Lachen kaum herauskommt.

Anna-Maria Scholz setzt ihre Körperfülle mit ironischem Selbstbewusstsein ein, sie grimassiert, gestikuliert und greift sich immer wieder in ihre wilde Haarpracht. Als Antidiva im Schlabberlook inszeniert sie sich als dralles Alphaweib, und lästert nicht nur über die brillanten Begleitmusiker – die es stoisch erdulden –, sondern macht sich ebenso über den Sanggaller-Dialekt lustig; so rächt sie sich pauschal dafür, dass sie als Dresdnerin oft Spott für ihren sächsischen Zungenschlag einstecken muss.

Karg war die Kellerbühne am Mittwochabend besetzt, obwohl Annamateur & Aussensaiter laufend Kleinkunstpreise abräumen. Die wenigen Zuschauerinnen und Zuschauer feierten das Trio dafür umso begeisterter und manches Highlight frenetisch; so den bitterbösen Song über debilen TV-Exhibitionismus («Nabelschau»). Oder das berührende Lied, wonach jeder im Grunde immer allein bleibt, in das Anna-Maria Scholz eine gallige Attacke gegen die Animierseligkeit und Heile-Welt-Verlogenheit eines André Rieu eingeschoben hat.

Ein Glanzlicht war die furios-überbordende Version des Marlene-Dietrich-Chansons «Ich weiss nicht, zu wem ich gehöre», das in ein durchgeknalltes Tenor-gegen-Sopranistin-Duell mündet. Annamateur ist eben nicht bloss ein Alphaweib, sondern gleich ein Alpha-, Beta-, Gamma- und (O-)Megaweib. Zum Verlieben.

Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne St. Gallen, je 20 Uhr

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