Ein Meer voller Quallen und keine Rettung in Sicht

Lesbar Literatur

Katja Fischer De Santi
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Alexandra Kleeman Kunstblut, Kein & Aber, 277 S., Fr. 18.–

Was soll, was will dieses Buch eigentlich? Auf einigen Seiten mutete es an wie ein surrealistischer Horrortrip zwischen lebensgrossen Hummern und Konfitüren an den Wänden, dann wieder kommt es realistisch wie das Tagebuch einer Dreissigjährigen daher. Immer aber sind die Figuren verloren, verzerrt, jederzeit bereit für eine ungute Wendung oder die Selbstauflösung, zum Beispiel in einem Koffer voller Schnee. Bei Alexandra Kleeman versagen die gängigen Genrebegriffe. Schon ihr erster Roman «A wie B wie C» war vor allem eines: verstörend. In ihrer nun vorliegenden Kurzgeschichtensammlung kommt noch gewollte Konzeptlosigkeit hinzu. Das verbindende Element: alle ihre Geschichten sezieren gekonnt das Seelenleben der Generation Y. Ihr Stil: messerscharf wie eine Glasscherbe, funkelnd wie dieselbige im Sonnenlicht. Da ist nichts zu viel, jeder Satz sitzt, manchmal schmerzhaft tief. Aber wie es so ist mit funkelnden Scherben, sie können einen auch blenden. Und dann wendet man sich besser ab.

Katja Fischer De Santi

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Adam Schwarz Das Fleisch der Welt. Oder die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe. Zytglogge, 267 S., Fr. 32.–

Niklaus von Flüe auf irrer Mission

Was für ein wilder, verrückter und kluger Roadtrip! Quer durchs abergläubische, stinkende, brutale Spätmittelalter schickt Adam Schwarz den Schweizer Nationalheiligen Niklaus von Flüe, dessen Sohn Hans und einen Henker auf eine irre, vermeintlich gottgewollte Mission. Selten hat man das Mittelalter so herrlich prall und ungeschminkt erzählt bekommen. Niklaus von Flüe ist ein verschlossener, herrischer Hungerkünstler, eine europaweite Berühmtheit. Seine Gottessuche ist Teufelsaustreibung an sich selbst, in die er seine Kumpane hineinreisst. Schwarz liefert einen gewitzten und intelligenten Schelmenroman, der buchstäblich alle Sinne der Leser überflutet. Eine skurrile Vater-Sohn-Geschichte und eine saftige Parodie auf die Bettelpilger, die den Bauern und Städtern auf den Nerv gehen. Da ist viel Geschichtswissen, viel Sarkasmus à la Monty Python und eine fabelhaft charmante Umschreibung einer Schweizer Legende drin. Es gilt ein neues Erzähltalent zu entdecken.

Hansruedi Kugler