Ein Maturafilm für Solothurn

Der Thurgauer Jann Kessler ist betroffen: Seine Mutter hat Multiple Sklerose. Vor einem Jahr hat er einen Film über MS-Kranke gedreht – als Maturarbeit. Er hat ihn überarbeitet und bei den Solothurner Filmtagen eingereicht – der Film ist angenommen worden.

Dieter Langhart
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«Multiple Schicksale»: Rainer, an MS erkrankt, ist auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. (Bild: pd)

«Multiple Schicksale»: Rainer, an MS erkrankt, ist auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. (Bild: pd)

FELBEN/SOLOTHURN. Jann Kessler aus Felben ist mit 19 Jahren einer der jüngsten Filmemacher, dessen Werk in zwei Wochen an den 50. Solothurner Filmtagen zu sehen ist. Seinen Film «Multiple Schicksale» samt Dokumentation bildete seine Maturarbeit an der Kanti Frauenfeld und ist hernach im Kino gezeigt – und von mehr als fünfhundert Menschen gesehen worden. Die Reaktionen haben Kessler ermutigt, den Film zu überarbeiten und für die Solothurner Filmtage einzureichen. Da wird er an zwei Tagen gezeigt.

«Ich bin nicht neutral»

Der junge Mann dreht seit der vierten Klasse Filme, hat vor zwei Jahren mit einem Freund eine Produktionsfirma gegründet, hat Wettbewerbe gewonnen, Aufträge erhalten. Dann das grosse Projekt. «Als Sohn einer Betroffenen hatte ich keinen neutralen Standpunkt in Bezug auf die Krankheit», sagt Kessler. Sein Film begleitet sieben MS-Patienten mit fast meditativen Bildern, lässt sie und ihre Angehörigen ausführlich zu Worte kommen, er zeigt Schicksal und Alltag, Verzweiflung und Mut, Einschränkungen und Ausbrüche.

Zuschauer kamen auf Kessler zu, erzählten von eigenen Erlebnissen, der Grundtenor sei «grosse Dankbarkeit» gewesen, da sie durch den Film besser verstünden, wie Menschen mit dieser Einschränkung leben.

Film ganz neu geschnitten

Für Solothurn hat Jann Kessler seinen Film stark verändert. Er hat eine klarere Struktur angestrebt, Fäden verdichtet, «damit der Zuschauer sich weniger verloren fühlt», hat Feedbacks einfliessen lassen. Kessler hat seine Off-Texte neu gesprochen, hat Szenen umgestellt oder weggelassen, hat andere hinzugefügt, hat seine Mutter erneut mit der Kamera besucht. Und Rainers Freitod kommt später im Film, «das macht ihn nachvollziehbarer», sagt der Filmemacher. Und nach dem komplett neuen Schnitt für Solothurn hat er für die Untertitel gesorgt.

Verleih erschliesst Publikum

«Ich bin dankbar für die Annahme, sie ist eine grosse Chance für meinen Film.» So wird er attraktiver für einen Filmverleih und kann über die Kinos ein neues und ein breiteres Publikum erreichen. Erfahrene Berufsleute sind mit Rat beigestanden, etwa Christof Stillhard, Programmleiter des Frauenfelder Studiokinos Cinema Luna.

Noch hat Jann Kessler keinen Verleih gefunden. Er legt ein Zwischenjahr ein, will reisen, dann an der ETH ein Ingenieurstudium beginnen. Und weiterhin Auftragsarbeiten annehmen und Filme drehen. «Nebenher», sagt Jann Kessler.

Sa, 24.1., 15 Uhr, Kino Canva Mi, 28.1., 12 Uhr, Landhaus www.multipleschicksale.ch