Ein Mann sieht Rot

Randnotiz

Julia Stephan
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Neulich wurde ein Freund von mir Zeuge, wie ein von Kopf bis Fuss in Rot gekleideter Passant an einer Kreuzung über die Strasse flanierte. Ein Verkehrspolizist, der dort mit strenger Hand den Verkehr regelte, stoppte ihn mit dem Ausruf: «Achtung, Rot! Nicht über die Strasse laufen!»

Offensichtlich war den beiden Herren die semantische Überkreuzung zwischen dem Ampel-Rot und der textilen Signalfarbe, die da gerade stattfand, gar nicht bewusst. Andernfalls wäre die Szene in Diskriminierungsvorwürfen eskaliert, und der Mann in Rot hätte tatsächlich Rot gesehen.

Die häufige und gedankenlose Verwendung von Wörtern im übertragenen Sinn kann ungeahnte, schmutzige Konsequenzen haben. Als Kind bezahlte ich dafür einmal einen hohen Preis: Auf einem Skateboard sitzend, das von meinem velofahrenden Bruder mit einem Seil gezogen wurde, raste ich in hohem Tempo auf einen mittig auf der Strasse platzierten Kuhfladen zu. Doch war mein Aufschrei «Sebastian, Scheisse!», der als Handlungsanweisung gedacht war, nie nutzloser als in jenem Moment. Mit schicksalhafter Konsequenz raste mein Skateboard auf den Haufen zu, und wenige Sekunden später sass ich, Sie ahnen es schon, im wahrsten Sinne des Wortes in der Scheisse und bezahlte für die inflationäre Verwendung dieses fäkalen Fluchwortes.

Julia Stephan