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Beklemmendes Theater:
Ein Mann löscht seine Familie aus

Oft sind es Männer, die ihre Familie und sich selbst töten. Wie ist das zu erklären? Das Theater ZELL:STOFF nimmt uns mit auf eine Reise in die Abgründe der alltäglichen Überforderung.
Pirmin Bossart
Theater an der Bushaltestelle. Patric Gehrig, Jürg Plüss und Julia Schmidt spielen alle Figuren. (Bild: PD)

Theater an der Bushaltestelle. Patric Gehrig, Jürg Plüss und Julia Schmidt spielen alle Figuren. (Bild: PD)

Das neue Stück von ZELL:STOFF liegt einem auch nach der Aufführung auf dem Magen. Doch da ist auch das Gefühl, an einem subtil inszenierten Prozess teilgenommen zu haben, der einem sensibler gemacht hat für das Unerklärliche, das man im Alltag voyeuristisch konsumiert, professionell verdrängt und dann wieder zur Tagesordnung übergeht.

Der Rahmen ist aussergewöhnlich: Das Stück «Nach der Arbeit» (künstlerische Leitung Patric Gehrig, Autor Dominik Busch) beginnt vor dem Kleintheater, wo das Publikum in einen Linienbus der VBL einsteigt und dann auf ein brachliegendes Gelände mitten im Verkehrsstrudel gefahren wird. Im Bus hören wir über die Lautsprecher die News vom Familiendrama, das sich in einer Nachbargemeinde ereignet hat. Ein Mann hat seine Frau, die zwei Kinder und sich selber umgebracht. Die Experten ringen um Erklärungen, Nachbarn werden interviewt, Mediengewaber im knackigen Nachrichtenspeech.

News über den Bildschirm

Derart schon mitten im Stück, lesen wir gleichzeitig auf den Bus-Screens die sogenannt realen Meldungen des Tages und sehen die aktuellen Reklamen hängen. Es ist ein erster kleiner Wahrnehmungsflash, der uns für die fiktive Story aufmerksamer macht. Eine Geschichte, wie sie im gesellschaftlichen Alltag sporadisch zuschlägt und vor allem eine Männergeschichte ist, wie das Stück behauptet. Eine Kündigung bringt den Lebensstandard des Familienernährers Reto abrupt ins Wanken. Mit dem drohenden Statusverlust bricht das Selbstwertgefühl weg. Unfassbar bleibt sie dennoch, die Tat.

Die Inszenierung (Regie Sophie Stierle) draussen im nächtlichen Gelände ist denn auch das wesentliche Erlebnis und macht das Geschehen mit sanfter Eindringlichkeit verdaubar. Verschiedene Stationen des Täters werden im Rückwärtsgang collagenartig beleuchtet. Es ist ein Puzzle ohne aufgesetzte Dramatik, mit plausiblen Dialogen und Situationen und einem schön-reduzierten «Bühnenbild» (Saskya Germann, Licht Alessandro Paci)). Etwas sonderbar wirkt das Trauma vom brennenden Kaninchenstall, das wiederholt auflodert. Bizarr hingegen der VBL-Bus, der gelegentlich durch die Szenerie fährt.

Nackte Gedankenabläufe und kurze Dialoge

Patric Gehrig, Julia Schmidt und Jürg Plüss spielen in nüchterner Präzision abwechselnd den Protagonisten und weitere Figuren. Das ist gut gelöst, bricht diese Rollenkonstellation doch das übliche Skript der Boulevardesken, das sich bei solchen Storys schnell einstellt. Stattdessen fokussiert die Inszenierung auf nackte Gedankenabläufe, kurze Dialoge, skizzenartig entworfene Geschehnisse. Mit Video-Einspielungen (Kevin Graber) kommt eine weitere Ebene dazu, die mit Erinnerungen arbeitet und Personen aus dem Umfeld des Täters ins Spiel bringt. Ein Verwirrspiel? Keineswegs. Es sind alles Bruchstücke, die nüchtern schildern und zeigen, was dennoch offenbleibt.

Anders als die Spielenden, die zeitenweise im Regen agieren, sitzen die Zuschauer unter einem Zeltdach (warme Kleider mitbringen!) und verfolgen das Geschehen über Kopfhörer. Mitgeliefert wird ein cooler Soundtrack, der zum Kinocharakter des Erlebnisses beiträgt. Dass gelegentlich die reale Geräuschkulisse der Umgebung mitzuspielen scheint, macht nebenbei wiederum bewusst, dass alles auch sehr real ist, was wir fiktiv zu erleben meinen. In der letzten Szene telefoniert der Täter seiner Schwester und sagt am Ende: «Ich muss jetzt auflegen, Esther, vergiss mich nicht.»

Dann fährt der Bus in die Stadt zurück. Über das Radio wird noch immer die unerklärliche Tat thematisiert und analysiert. Und als, zurück im Kleintheater, die Premierenfeier steigt und die etwas später eintreffenden Protagonisten mit herzlichem Applaus empfangen werden, ist das ein wenig, wie wenn Menschen zusammenrücken, die noch einmal davongekommen sind.

Hinweis

Weitere Aufführungen finden statt am 15./17./18./23./24./26. Mai, jeweils 20.30 Uhr, Kleintheater Luzern. www.kleintheater.ch

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