Ein Magier verabschiedet sich

25 Jahre standen Urban und Vreni Stoob mit ihrem Steindruck-Betrieb im Dienste der Künstler – Günther Uecker, Roman Signer und Santiago Calatrava gehörten dazu. Mit der Schliessung ihrer Druckerei geht eine Ära zu Ende.

Christina Genova
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Der Himmel hängt voller Druckgraphiken: Urban und Vreni Stoob zeigen eine «Optische Partitur» von Günther Uecker frisch ab Presse. (Bild: Urs Jaudas)

Der Himmel hängt voller Druckgraphiken: Urban und Vreni Stoob zeigen eine «Optische Partitur» von Günther Uecker frisch ab Presse. (Bild: Urs Jaudas)

Es ist Erleichterung, die Vreni und Urban Stoob verspüren, keine Wehmut angesichts des nahenden Endes ihrer Druckerei. Jetzt, wo immer mehr Leute wissen, dass die Tage der Firma Stoob Steindruck gezählt sind, lassen sich die beiden vom allgemeinen Klagen, das laut wird, nicht beeindrucken, sondern reagieren fast trotzig darauf. Den Ort als Museum erhalten mache keinen Sinn.

Zu geringe Nachfrage

Um sich Illusionen zu machen, sind die Stoobs schon zu lange im Geschäft: «Druckgraphik hat nicht mehr denselben Stellenwert in der Kunst. Deshalb haben wir auch keinen Nachfolger gefunden», sagt Vreni Stoob nüchtern. «Warum etwas herstellen, wonach eine so geringe Nachfrage besteht?» Doch wer die lichtdurchflutete Druckerei an der St. Galler Feldlistrasse betritt, wo neben Handdruckpressen auch die grosse Druckmaschine von 1911 steht, kann nicht anders, als Bedauern darüber empfinden, dass sie bald leer geräumt sein wird. Die Energie, die von diesem Raum ausgeht, ist fast greifbar. Doch es ist endgültig: Im Herbst wird geräumt, am 1. November ziehen die Nachmieter ein.

Verkauf nach Österreich

Ein wichtiges Ziel der Stoobs, die Maschinen nicht verschrotten zu müssen, ist in greifbare Nähe gerückt. Richard Pils, ein österreichischer Verleger, interessiert sich ernsthaft für die Druckerei und will die Maschinen für ein historisches Druckzentrum in der Nähe der tschechischen Grenze erwerben. Lange sah es so aus, als ob die Maschinen in China landen würden. Doch die Pläne zerschlugen sich, obwohl die Option China Urban Stoob lieb gewesen wäre: «Weg ist weg», sagt er, und Vreni Stoob ergänzt: «Wenn die Maschinen nach Österreich kommen, kann man uns immer wieder mal rufen, dann kann man nie ganz abschliessen.»

Schon als Urban und Vreni Stoob 1989 die Erker-Presse von Franz Larese und Jürg Janett übernahmen und sich selbständig machten, waren die goldenen Zeiten der Druckgraphik der 1960er und 70er-Jahre vorbei. 1963 hatten die beiden legendären Erker-Galeristen die Druckerei als Ergänzung ihrer Galerie und ihres Verlags gegründet. Dank deren Geschick und der grossen Nachfrage nach Originalgrafiken florierte die Druckerei, und berühmte Künstler wie Piero Dorazio, Giuseppe Santomaso und Antoni Tàpies gaben sich die Klinke in die Hand. Urban Stoob, der sich 1971 bis 1972 bei der Erker-Presse zum Steindrucker hatte ausbilden lassen, war nach Lehr- und Wanderjahren in Paris wieder dorthin zurückgekehrt.

Grosse Herausforderungen

Zu Beginn seiner selbständigen Tätigkeit produzierte Urban Stoob noch für die Galerie, doch nach dem Tod von Franz Larese im Jahr 2000 war es damit vorbei. Neue Kunden zu gewinnen erwies sich als schwierig, und immer weniger Künstler interessierten sich für die Herstellung von Lithographien. «Es gab kein Jahr, in welchem wir wirklich ausgelastet waren», sagt Vreni Stoob, «es war immer auch ein bisschen ein Krampf.» Sie hat als Polygraphin dazuverdient; für zwei hätte der Lohn nicht gereicht, alleine hätte Urban Stoob den Betrieb aber niemals führen können: «Wenn die Druckmaschine läuft, sollte man eigentlich zu dritt sein, und sonst muss man rennen.» Vreni Stoob kennt die Zahlen; 5000 Franken monatliche Fixkosten für Heizung, Strom und Miete etc. fallen an: «Subventionen haben wir nie erhalten.»

Zu den wirtschaftlichen Herausforderungen kamen die gesundheitlichen. Vor 13 Jahren wurde bei Urban Stoob, der kürzlich 65 Jahre alt geworden ist, Parkinson diagnostiziert. Mittlerweile macht sich die Krankheit zunehmend im Alltag des Druckers bemerkbar und schränkt ihn merklich ein.

Dutzende Künstler gingen bei Urban und Vreni Stoob ein und aus, auch bei ihnen zu Hause: «Für Künstler, die nicht in der obersten Liga spielten, hatten wir einen Hotelbetrieb», sagt Vreni Stoob. Ein Acht-Stunden-Tag war in diesem Geschäft nicht möglich. Den tatsächlichen Aufwand – das Pröbeln, die vielen Druckversuche – hätten sie den Künstlern selten berechnen können. Vreni und Urban Stoob stellten sich bedingungslos in den Dienst der Künstler und setzten deren Wünsche mit viel Kreativität um: «Die Herstellung jeder Druckgraphik ist wie ein Forschungsprojekt», sagt Urban Stoob. Die Stoobs sind sich einig: «Je berühmter ein Künstler, desto grosszügiger war er, und desto mehr Vertrauen schenkte er uns.» Das gilt auch für Günther Uecker, zu welchem die Stoobs eine ganz besondere Beziehung haben – sie beruht auf Gegenseitigkeit: «Er ist uns sehr wohlgesinnt», sagt Vreni Stoob. Gewissermassen als Abschiedsgeschenk dürfen die Stoobs noch eine Dreierserie «Optische Partituren» mit ihm produzieren. Sie hängen zum Trocknen als Blätterwald über unseren Köpfen.

Die Freundschaften bleiben

Seit Günther Uecker 1974 zum ersten Mal bei der Erker-Presse war, ist er immer wieder gekommen: «Er ist nirgends so oft in der Welt wie in St. Gallen.» Noch sieht es in der Druckerei nicht nach Lichterlöschen aus: Für Santiago Calatrava, den Architekten und Künstler, ist eine Serie von Lithographien mit Stiermotiven in Arbeit, und erst kürzlich hat Urban Stoob Arbeiten mit Roman Signer ausgeführt – eine mit den Abdrucken von Zündschnurrollen für den Verein für Originalgrafik und eine zweite mit Bügeleisen für die eigene Edition.

Ein bisschen weiterleben wird die Druckerei im Internet, wo Urban Stoob weiterhin Editionen verkaufen wird. «Es gibt nichts zu bereuen», sagt Vreni Stoob und Urban Stoob ergänzt: «Was uns bleiben wird, sind die vielen Freundschaften zu Künstlern und zu Kunden.»

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