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Ein legendäres Lotterleben

Martha Argerich gilt als «Löwin am Klavier». Berüchtigt für ihre Absagen und ihren chaotischen Lebenswandel, hat die argentinische Pianistin auch fragile Seiten – und ein Talent für Freundschaften. Gerade hat sie ihren 70. Geburtstag gefeiert. Bettina Kugler
Ein Wunder, wenn sie endlich am Flügel sitzt – Martha Argerichs Lampenfieber ist Teil ihrer spannenden Künstlerbiographie. (Bild: Michael Neumeister)

Ein Wunder, wenn sie endlich am Flügel sitzt – Martha Argerichs Lampenfieber ist Teil ihrer spannenden Künstlerbiographie. (Bild: Michael Neumeister)

Mit Anfang zwanzig ist sie schon eine lebende Legende in Europa. Da beschliesst Martha Argerich von heute auf morgen, ihre bis dato rasant ansteigende Karriere einstweilen auf Eis zu legen. Drei Jahre ist sie komplett von der Bildfläche verschwunden; sie gibt keine Konzerte, lässt sämtliche Wettbewerbe links liegen. Pilgert nach Italien zu Arturo Benedetti Michelangeli, antichambriert in New York bei ihrem Abgott Horowitz – mit mässigem Erfolg.

Schon 1957, da war sie sechzehn, bot ihr die Deutsche Grammophon einen Exklusivvertrag an. Aber Martha zögert, sie lässt auf sich warten. Als sie den Vertrag schliesslich unterschreibt und im Juli 1960 innerhalb von wenigen Stunden in Hannover ihre erste Schallplatte einspielt, zeigt sich ein weiterer charakteristischer Zug ihrer Persönlichkeit. Statt aus Dutzenden von Takes eine tadellose, aber unrealistische Version zu basteln, sagt sie dem Toningenieur kurz angebunden: «Ich spiele drei Mal, und dann entscheiden sie.» Dazwischen raucht sie eine Zigarette nach der anderen, trinkt starken Kaffee. Literweise.

«Bleiarsch» liebt hohes Tempo

Die am 5. Juni 1941 in Buenos Aires geborene Pianistin gilt als launische Diva, bekannt für ihre notorischen Rückzieher und Absagen in letzter Minute, für ihre lebenslangen engen Künstlerfreundschaften und ihre Männergeschichten, oft mit überraschenden Dacapos. Aber auch als künstlerisches Phänomen: Begabt mit der Kraft eines Mannes, dabei natürlich und anmutig wie ein Kind; ein Titan mit stählernen Armmuskeln und doch so feinem Anschlag, dass kleinste Nuancen ans Licht treten.

Technisch ist sie brillant, ob sie Chopin spielt oder Bach, Schumann (der ihr besonders liegt) oder Ravel, von dem Martha Argerich sagt: «Er ist derjenige, der mich liebt.» Kein Tempo kann sie schrecken, vielleicht, weil sie dafür nichts tun muss. Schon als Kind spielt sie hinter dem Rücken der Mutter makellose Chopin-Etüden und liest währenddessen Romane von Dumas. Es heisst, sie sei faul und träge; ihr zweiter Ehemann, der Schweizer Dirigent Charles Dutoit, soll sie einmal «Bleiarsch» genannt haben. Und die befreundete Pianistin Clara Haskill beklagte sich: «Wenn ich Deine Möglichkeiten hätte, sässe ich den ganzen Tag am Klavier.»

Doch Martha pflegt unbeirrt ihre «Dracula-Natur» als Nachtmensch mit chaotischem Lebenswandel. Lässt sich ablenken durch anderer Menschen Kummer und Nöte, telefoniert stundenlang, führt in der unaufgeräumten Wohnung, ob in Wien, London oder Paris, ein offenes Haus, statt verbissen zu üben oder Geschirr zu spülen. Sie kann es sich leisten – nicht zuletzt wegen ihrer Fähigkeit zum «total recall», einem übermenschlichen Gedächtnis, das sie bislang bei Live-Auftritten vor den gefürchteten Aussetzern bewahrte.

Angeborene Fingerfertigkeit

Das Klavierspielen scheint ihr buchstäblich in die Wiege gelegt worden zu sein. Im Kindergarten setzt sie sich eines Tages, provoziert durch einen Buben, einfach auf den Klavierschemel, lüftet den Deckel und spielt – ein zuvor gehörtes Wiegenlied, fehlerfrei, ohne Stocken, perfekt im Rhythmus. Da ist Martha Argerich nicht einmal drei Jahre alt und hat nie zuvor die Tasten berührt. Fortan übernimmt ihre Mutter Juanita die Karriereplanung, überwacht eisern Marthas Üben und knüpft Kontakte zu den richtigen Leuten.

Als Martha den Pianisten Friedrich Gulda trifft, der sie nach Wien holt, sagt er: «Ich habe ein phantastisches Mädchen kennengelernt, mit einer fürchterlichen Mutter.» Ausgerechnet Gulda, selbst als Enfant terrible verschrieen, zweifelt später an ihrer Zukunft als Musikerin, «weil sie so ein Lotterleben führt». Einer ihrer ehemaligen Agenten staunt heute: «Martha hat alles dafür getan, ihre Karriere zu ruinieren, aber es ist ihr nie gelungen.»

Schon 1957 erkennt der Kritiker nach einem Konzert in Genf die Gefahren ihres grenzenlosen Talents. «Sie hat eine absolut erstaunliche Technik», schreibt er, «dank derer sie in der Lage sein wird, alle möglichen Wege einzuschlagen, gute wie schlechte.» Meistens trug sie den Sieg davon. Sie gewann kurz hintereinander den gefürchteten Busoni-Wettbewerb und den Concours in Genf, 1965 den Chopin-Wettbewerb in Warschau. 1980 sitzt sie in der Jury – und verhilft mit ihrem Protestrückzug dem jungen, abqualifizierten Ivo Pogorelich zu einem spektakulären Karrierestart.

Das Lampenfieber bleibt

«Ich bin wie ein Schwamm», sagt Martha Argerich, «ich weiss einen Haufen Dinge, die ich gar nicht wissen will, und erinnere mich an alles. An absolut alles, noch Jahre später.» Auch an die Angst vor jedem Konzert. «Das Auswendigspielen war nie ein Problem für mich», erzählt sie dem Franzosen Olivier Bellamy, Autor der ersten autorisierten Biographie: ein treu ergebenes, anekdotenreiches Porträt (siehe Kasten). An Kapriolen hat es schliesslich nicht gemangelt im Leben der María Martha Argerich: jähe Pausen, Schwangerschaften zur falschen Zeit, ein unbeirrtes Nacht- und Wanderleben.

Aber wer könnte Martha, wie sie von allen mit der grössten Selbstverständlichkeit genannt wird, böse sein? Schon dieser eine Satz macht alles gut: jener übers Auswendigspielen. Kein Problem! «Aber das Spielen als solches, das ja!» Ihr notorisches Lampenfieber bringt das Mysterium Martha Argerich auf Augenhöhe, lässt die Künstlerin angenehm menschlich erscheinen.

Wie viel Zähigkeit und Kraft in der Frau mit der silbergrauen Mähne steckt, zeigte sich in den Neunzigerjahren, als sie an einem bösartigen Melanom erkrankte, das später Metastasen in der Lunge streute. Da war schlagartig Schluss mit dem Kettenrauchen; sie liess sich in Kalifornien mit ungewissem Ausgang operieren und – genas. Inzwischen hat sie ihre Solokarriere beendet, pflegt als Kammermusikerin Freundschaften und fördert junge Talente, unter anderem bei ihrem Festival in Lugano. Noch immer spielt sie gern Klavier. Und ist höchst ungern Pianistin.

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