Literatur
Ein Leben - so spannend und vielfältig wie ein Roman

Peter Mieg war stets «Auf der Suche nach dem eigenen Klang» – das ist auch der Titel eines neuen Buches über den Aargauer Komponisten, Maler und Publizisten. Anna Kardos und Tom Hellat erzählen die spannende, mitunter fast romanhafte Geschichte von Peter Mieg.

Elisabeth Feller
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Eine hochgebildete, empfindsame, aber auch zerrissene Persönlichkeit: Peter Mieg. Archiv Peter Mieg-Stiftung

Eine hochgebildete, empfindsame, aber auch zerrissene Persönlichkeit: Peter Mieg. Archiv Peter Mieg-Stiftung

Archiv Peter Mieg-Stiftung

Ihn mustern: Das hat sich keiner getraut. Dabei hätte der Blick gern länger auf dem hageren Mann mit dem übergrossen, warmen Mantel – den er auch im Sommer trug – verweilt. Natürlich wusste man auf der Redaktion des «Badener Tagblatts» Bescheid. «Peter Mieg ist da», hiess es, und das bedeutete: Er gab ein Manuskript ab.

Doch wer war dieser Peter Mieg, der 1906 in Lenzburg geboren wurde und 1990 im Kantonsspital Aarau verstarb? Komponist, Maler und Publizist. Dass man deshalb wüsste, wer der Genannte wirklich war, kann man nicht behaupten.

Im letzten Kapitel des neuen Buchs «Auf der Suche nach dem eigenen Klang» heisst es: «Peter Mieg war Bildungsbürger, im Herzen aber auch ein Bohemien. Er war ein waschechter Lenzburger, doch in seiner Musik ein Franzose. Als ‹Spätgeborener› blieb er der Tradition in der Musik treu, pflegte aber den Austausch mit dem Neuen. Er war sensibel auf Kritik, doch ging er unbeirrt seinen Weg.»

Hochgebildet und zerrissen

All dies lässt auf eine interessante Persönlichkeit schliessen. Doch nur mit diesem Adjektiv kommt man Peter Mieg nicht bei. Wer mehr über eine hochgebildete, empfindsame, aber auch zerrissene Persönlichkeit erfahren will, muss neben unbändiger Neugier auch viel Ausdauer im Aufspüren unzähliger Spuren haben.

Die AZ-Kulturredaktorin Anna Kardos und der Musikjournalist Tom Hellat haben sie. Dass die beiden Peter Mieg nie persönlich begegnet sind, ist kein Nachteil. Im Gegenteil. Völlig unbelastet schauen die jungen Autoren staunenden Auges auf ein Künstlerleben, das seinesgleichen sucht.

Die Fülle der im Buch angeführten Literaturhinweise zeigt, wie sehr sich Kardos und Hellat in die Materie reingekniet haben. Natürlich hätten sie die daraus abgeleiteten Erkenntnisse zu einer vorwiegend chronologisch bestimmten, «trockenen» Biografie zusammenfügen können.

Das aber ist «Auf der Suche nach dem eigenen Klang» nicht. Anna Kardos und Tom Hellat lesen Peter Miegs Leben vielmehr als spannende, mitunter fast romanhafte Geschichte, in der sich das Private im gesellschaftlichen Kontext und umgekehrt spiegelt. Kein Wunder, beginnt das Buch nicht etwa mit den Kinderjahren in Lenzburg, sondern in Paris.

Motivation in Paris

Der 22-jährige Student weilt 1929 in jener Stadt, über die er später einmal sagt: «Ich hatte Paris in mir.» Hier motiviert ihn sein Freund Guy Bernard: Peter Mieg müsse sich «ausschliesslich mit der Komposition befassen». – «Es war das erste Mal, dass sich ein Mensch mit meiner kompositorischen Arbeit befasste, sie ernst nahm und meine eigenen Zweifel etwas in den Hintergrund treten liess», erinnert sich Mieg.

Danach erfahren wir, dass im Lenzburger Elternhaus die Künste zwar eine wesentliche Rolle spielen, doch eine davon – die Musik – zum Beruf machen? Nein. Das ungeschriebene Gesetz lautet: «Keine Kunst.» Also wird der junge Mieg (höchst ungern) Student der Kunstgeschichte; dabei zieht es ihn doch mit aller Macht zum Musikerberuf hin – zu jener Zeit eine brotlose Kunst.

Brot, vielmehr ein Auskommen bieten ihm ab 1933 die «Basler Nachrichten» – als Kulturberichterstatter. Dem Journalistenberuf, den er nie angestrebt hat, wird er 55 Jahre lang treu bleiben. Aber der Lenzburger ist ja auch noch ein Maler, dem Aquarelle – im Gegensatz zu den langsam Takt für Takt errungenen Kompositionen – spielend leicht von der Hand gehen.

Facettenvielfalt

Peter Mieg, der Vielbegabte: Ihn zeigen Anna Kardos und Tom Hellat in einer Facettenvielfalt, die sich in jedem der vielen, mit Fotos bereicherten Kapitel spiegelt. Diese tragen Titel wie «Die Möglichkeit einer eigenen Klangsprache – Begegnung mit Frank Martin»; «Ein Franzose helvetischer Machart? Kompositorisches Œuvre der 1950er- und 1960er-Jahre»; «Ruhm, Erfolg und ein grosser Auftritt», «Wie die Zeit Mieg verlor – und ihn wiederfinden kann» – und verweisen so auf das, was danach detailliert ausgeführt wird: etwa Peter Miegs Durchbruch mit dem nachmalig weltweit gespielten «Concerto da Camera», aber auch das langsam einsetzende Desinteresse an einem traditionsbewussten Komponisten, weil Kollegen wie Pierre Boulez und Karl-Heinz Stockhausen in den 1960er-Jahren ins Zentrum rücken.

Wie erzählen Anna Kardos und Tom Hellat von Peter Mieg und dessen vielseitigen Begabungen? Nun, in einem einnehmend flüssigen Stil, der an jenen des Porträtierten erinnert: prickelnde Gestaltungsfreude, natürliche Eleganz und unmittelbare Verständlichkeit.

Anna Kardos/Tom Hellat Auf der Suche nach dem eigenen Klang. Verlag Hier und Jetzt 2016. 255 Seiten.