Sie lächelt wie eine Sphinx und tanzt wie ein junges Mädchen - mit 70 Jahren

Die Tänzerin Nelly Bütikofer erhält für ihren verspielten Umgang mit tiefgründigen Themen den Anerkennungspreis der St. Gallischen Kulturstiftung.

Bettina Kugler
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Nelly Bütikofer lässt sich nicht so leicht einordnen. (Bild: Benjamin Manser)

Nelly Bütikofer lässt sich nicht so leicht einordnen. (Bild: Benjamin Manser)

Ihr genügt ein kleiner Raum, um ein ganzes Leben in tastenden Schritten abzuschreiten. Um sich fallen zu lassen, rückwärts zu rollen, dem Sarg in einer plötzlichen Gegenbewegung zu entkommen. Tänzerisch den umgekehrten Weg zu gehen: von der Bahre zurück zur Kindheit, zurück zur Geburt, dem anderen Tor zum Nicht-auf-der-Welt-Sein. «Mich wundert, dass ich so fröhlich bin», so nennt Nelly Bütikofer ihre jüngste Produktion, in der sie mit dem Schauspieler Peter Grünenfelder auf der Bühne steht – oder, wie in St. Gallen, in den kühlen Keller zur Rose hinabsteigt. Inspiriert hat sie ein Text ihrer Lieblingsdichterin Ilse Aichinger, die kühne Erzählung «Spiegelgeschichte». Ein Gedankenspiel, das etwas hat vom kindlichen «Ich wär jetzt tot». Das gibt dem Stück eine befreiende Leichtigkeit, einen traumtänzerischen Ernst, verspielt wie der Walzer von Erik Satie, der zwischendurch erklingt.

Was mit siebzig noch geht: Tanz mit Tiefgang und Esprit

Von den «grossen Kisten» mit Orchester, in Räumen wie der Roten Fabrik in Zürich ist sie zurückgekommen zu kleinen Performances, die wenig mehr als Raum und Licht brauchen. Dass sie schwer einzuordnen ist, für Veranstalter wie fürs Publikum, macht den besonderen Reiz ihrer Stücke aus. «Für mich ist typisch, eher atypische Sachen zu zeigen.» Sie lächelt wie eine Sphinx. Klug und gelassen wirkt sie, reflektiert und sensibel. Ihre Bewegungen sind von mädchenhafter Anmut, immer noch.

Dabei mag sie die Frage nach dem, «was noch geht» in ihrem Alter, kaum mehr hören. 1948 geboren, gehört Nelly Bütikofer zu den grossen Ausnahmeerscheinungen im Tanz. Wie keine andere Bühnenkunst wird er mit jugendlicher Kraft und Energie, mit körperlicher Leistungsfähigkeit und Spannkraft verbunden. Viele Tänzer hören früh auf, nicht erst, wenn sie mit Arthrose zu kämpfen haben. Nelly Bütikofer aber hat sie mit Bewegung wegtrainiert. Sie tanzt Tango, zum Ausgleich und zum Vergnügen. «Ich habe gesunde Gelenke», sagt sie. «Doch ich habe auch nie Raubbau an meinem Körper betrieben, wie viele Spitzentänzer.»

Sie taucht tief ein in Themen und Texte

Nelly Bütikofer ist eine gründliche Spielerin. Für ihre spartenübergreifenden Tanzstücke, für die sie nun einen der beiden mit je 15 000 Franken dotierten Anerkennungspreise der St. Gallischen Kulturstiftung erhält, geht sie nicht in erster Linie in sich selbst. Vielmehr sucht sie eine Reibungsfläche ausserhalb der eigenen Erfahrungen. Dinge, die sie interessieren, lässt sie lange und nah an sich herankommen. «Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, tauche ich tief ein in die Materie», sagt sie.

Für das Stück «In meinem Kopf schneit es» über Demenz ging sie wöchentlich in ein Spital und beobachtete die Pflege Betroffener. Sie befasste sich intensiv mit der Kunst Sophie Taeuber-Arps – und mit deren Leben. So entstand «Tapis rouge pour Sophie». Über 15 Jahre lang war Nelly Bütikofer damit unterwegs; sonst sind es zwei, höchstens drei Jahre.

«Damals waren die Zeiten anders. Man konnte überall auftreten. Heute ist praktisch jeder Kulturraum kuratiert, und da muss man ins Programm passen. Oder jeden Scheinwerfer extra mieten.»

Sie sagt es ruhig und sachlich, ohne Bitterkeit. Den Ausbruch aus konventionellen Theaterräumen empfand sie als Bereicherung. «Eine Weile ertrug ich das schwarze Viereck nicht», sagt sie. Stattdessen tanzte sie in Treppenhäusern und Bahnhofshallen. Sie liess das Publikum herumwandeln, irritierte es lustvoll, mit Post-it-Zetteln am Stuhl oder einem Mayröcker-Gedicht, direkt ins Ohr geflüstert.

Eine Woche lang schlaflos - und Schuld ist Pina Bausch

Künstler wie Ernst Jandl und John Cage haben sie inspiriert, allen voran aber die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch. «Als ich sie in Wuppertal das erste Mal sah, habe ich danach eine Woche lang nicht geschlafen», erinnert sie sich. Auch die Begegnung mit Jandl war prägend. Sie sprach ihn bei einer Lesung in Zug an, fragte, ob sie ihm vortanzen dürfe. Er kam. Ganz allein sass er im Saal. Und war über seine bewegten Gedichte «väterlich vergnügt».

Preisverleihung 17.5., 18.30 Uhr, Alte Fabrik Rapperswil.