Ein lange verleumdeter Held

Zehn Jahre nach «Der Untergang» widmet sich Regisseur Oliver Hirschbiegel mit «Elser» erneut der Nazizeit. Eindringlich und doch den Mitteln des Überwältigungskinos vertrauend.

Geri Krebs
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Wie ein Schreiner zum Hitler-Attentäter wird: Christian Friedel als Georg Elser. (Bild: pd)

Wie ein Schreiner zum Hitler-Attentäter wird: Christian Friedel als Georg Elser. (Bild: pd)

Jahrzehntelang wurde der Protagonist dieser Geschichte totgeschwiegen oder verleumdet. Erst seit den 1980er-Jahren ist ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gedrungen, wer Johann Georg Elser (1903–1945) war. Am 8. November 1939 versuchte der damals 36jährige schwäbische Handwerker, im Münchner Bürgerbräukeller den «Führer» während einer Rede durch eine Bombe mit Zeitzünder zu töten. Die Bombe detonierte 13 Minuten zu spät, acht Menschen starben; doch Hitler hatte den Ort früher als geplant verlassen. Elser, der versucht hatte, in die Schweiz zu flüchten – und noch glaubte, das Attentat sei geglückt –, wurde gleichentags am Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen verhaftet. Er wurde nach Berlin überstellt, von der Gestapo gefoltert und gestand schliesslich. Doch niemand wollte ihm glauben, dass er das Attentat allein durchgeführt hatte. Er kam ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau und wurde dort noch in den letzten Kriegstagen, am 9. April 1945, erschossen.

Andere Töne als im «Untergang»

Regisseur Oliver Hirschbiegel hat diese Geschichte – die 1989 schon von und mit Klaus Maria Brandauer verfilmt worden war – nun mit Christian Friedel («Das weisse Band») als Elser auf die Leinwand gebracht. Und hat sich nach «Der Untergang» rehabilitiert als Regisseur, der sich in ernstzunehmender Weise mit Deutschlands dunkelster Geschichte auseinandersetzt. Das ist keine geringe Leistung, denn «Der Untergang» als 13,5 Millionen teures Machwerk hatte zwar einen grandiosen Bruno Ganz als «Führer». Hatte ansonsten aber niemanden, der den Dokumentarfilm «Im toten Winkel» von André Heller und Othmar Schmiderer über Hitlers Sekretärin Traudl Junge gesehen hatte, nur eine einzige neue Erkenntnis vermittelt. Er hatte gar den unappetitlichen Nebeneffekt, in gewissen Szenen Mitleid mit dem Monster Hitler zu erzeugen.

Wurde man bei «Der Untergang» mit einer bombastischen Überwältigungsmaschinerie zugedröhnt, so schlägt «Elser: Er hätte die Welt verändert» andere Töne an. Das Drehbuch, basierend auf den Verhörprotokollen der Gestapo, stammt von Fred Breinersdorfer und dessen Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer; dem Autor, der 2005 auch für Marc Rothemunds «Sophie Scholl – Die letzten Tage» das Drehbuch geschrieben hatte. Ein in seiner inszenatorischen Strenge und Kargheit meisterlicher Film, der die perfekte Antithese zum lärmigen «Untergang» bildete.

Fragwürdige Schockmomente

Auch «Elser» ist ein Stück weit Überwältigungskino – Hirschbiegel ist nicht plötzlich ein Mann leiser Töne geworden. Neben zahlreichen Rückblenden, die Elser vor seiner Tat als lebenslustigen jungen Mann zeigen, enthält der Film Schockmomente, die es in sich haben. Etwa, wenn Elser, auf einer Folterbank fixiert, von einem der Gestapo-Schergen mit einem Stock halbtot geprügelt wird. Und man ihm einen glühenden Schraubenzieher unter die Fingernägel treibt. Hier kann man sich als Zuschauer fragen, ob man sich das antun muss. Das gleiche gilt, wenn später Arthur Nebe (Burghart Klaussner) – der Kriminalpolizeichef, der diese Verhöre geleitet hatte – zum Tod verurteilt wird. Er wird wegen seiner Kontakte zu den Verschwörern des 20. Juli 1944 noch in den letzten Kriegstagen im März 1945 am Galgen hingerichtet; seinen Todeskampf muss man in Echtzeit mit ansehen. Vielleicht ist es aber gerechtfertigt, in diesen Tagen daran zu erinnern, was das für ein Regime war, von dessen Terror Europa vor genau 70 Jahren befreit wurde, und mit welchen Mitteln es sich an der Macht zu halten suchte.

Ab Donnerstag in den Kinos

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