Ein kurzer wilder Ritt: Das Theater St.Gallen zeigt «Träume einer Sommernacht» 

Shakespeare hat in seinen «Sommernachtstraum» so viel hineingepackt, dass sich seit über 400 Jahren Generationen von Theatermachern am übergrossen Interpretationsberg abarbeiten. Das Theater St.Gallen kürzt die Vorlage nun radikal. Das ist rasant und kurzweilig, aber auch etwas blutleer.

Julia Nehmiz
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Glücklich unglückliche Liebe: Lysander (Fabian Müller) darf Hermia (Tabea Buser) nicht heiraten.

Glücklich unglückliche Liebe: Lysander (Fabian Müller) darf Hermia (Tabea Buser) nicht heiraten. 

Bild: Jos Schmid

Als «Uraufführung» wird «Träume einer Sommernacht» angekündigt, eine «Komödie frei nach Shakespeare». Nun ja. Der niederländische Theatermacher Theo Fransz hält sich in seiner St.Galler Bearbeitung für ein junges Publikum (ab 15), die als Koproduktion mit dem Theaterfestival Jungspund entstand, eng an die über 400 Jahre alte Vorlage, einfach in einer modernen Prosasprache.

Fransz kürzt die Handlung stark, peitscht seine drei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen im Theatersaal der Lokremise durch einen wilden Ritt in 14 Rollen einmal quer durch das Stück. In nur eineinhalb Stunden erzählt er die Geschichte vom restriktiven Athener Hof, von den jungen Liebenden, die Zuflucht im Wald suchen, dort von der Elfenwelt verzaubert werden und nach Liebesverwirrungen wieder heil zu Hause landen.

Sein Kniff: Er vertauscht bei den Liebespaaren die Rollenzuschreibungen. Hermia spricht also den Text, den Shakespeare Lysander zugedacht hatte, Helena den des Demetrius’, und umgekehrt. Eine kluge, heutige Weiterdrehung des Stoffs: Die Frauen als Macherinnen, die Männer als schwärmerische Romantiker.

Liebeswirren im Athener Wald: Helena (Anna Blumer), Demetrius (Frederik Rauscher), Hermia (Tabea Buser) und Lysander (Fabian Müller) kämpfen um Liebe und gegen falsches Verlangen.

Liebeswirren im Athener Wald: Helena (Anna Blumer), Demetrius (Frederik Rauscher), Hermia (Tabea Buser) und Lysander (Fabian Müller) kämpfen um Liebe und gegen falsches Verlangen.

Doch dieser Regieidee folgt keine tiefe Weiterdrehung. Theo Fransz belässt es bei den Andeutungen, erzählt die umgekehrten Rollenzuschreibungen nicht konsequent zu Ende. Wie lieben junge Männer und Frauen heute? Wer erobert wen? Kann man die alten Rollenbilder überwinden? Dies lässt Fransz offen. Lieber lässt er Shakespeares Handwerkertruppe komödiantisch ein Stück proben.  

Poetisches Schattenspiel

Bei den Handwerkern führt zwar eine Frau Regie (Anna Blumer zupackend als Petra Squenz), doch die drei Männer lassen sie nicht zu Wort kommen und wissen eh alles besser. Typisch Mansplaining in einer patriarchal geprägten Welt. Die zweite Frau in den Reihen der Handwerker hat noch weniger zu melden, Putzfrau Franzi Flaut wird gerne mal von den Männern betatscht.

«Lasst mich den Löwen auch noch spielen» - Zettel (Tobias Graupner auf der Leiter) führt in der Handwerkertruppe den Ton an.

«Lasst mich den Löwen auch noch spielen» - Zettel (Tobias Graupner auf der Leiter) führt in der Handwerkertruppe den Ton an. 

Doch schon jagt Theo Fransz sein Ensemble weiter. Fliegend die Rollenwechsel und Umzüge auf der offenen Bühne, die von deckenhohen schmalen Vorhängen variabel unterteilt wird.  Die Bühne wird begrenzt durch eine Spiegelwand mit Stühlen davor: Die Schauspieler sitzen dort zu Beginn wie in ihren Künstlergarderoben. Theater auf dem Theater.

Zwei mit wildem Grün bepflanzte Kästen, die an urban-hippe Hochbeete erinnern, reichen, um den Athener Wald anzudeuten. Die Elfenwelt zeigt Fransz als poetisches Schattentheater hinter den Vorhängen. Das ist beim ersten Schauen ein schöner Effekt, der aber auf Dauer seine Wirkung verfehlt: es bleibt blutleeres Schattenspiel. 

Elfenwelt als Schattenspiel: Handwerker Zettel wird trotz Eselsohren von Elfenkönigin Titania begehrt.

Elfenwelt als Schattenspiel: Handwerker Zettel wird trotz Eselsohren von Elfenkönigin Titania begehrt.

Bild: Jos Schmid

Zu rasant, um Wirkung zu entfalten

Auch die Liebespaare haben in dem rasanten Spiel kaum Möglichkeit, sich zu entfalten, zu träumen, sich verzaubern zu lassen, zu erschrecken über sich selbst. Dafür kommen die Handwerker ausführlich zu Wort, sogar in der original Schlegel-Tieck-Übersetzung. Mit Witz und Slapstick führen sie ihr Theaterstück schliesslich am Hof auf. Die Tragik, die dahinterliegen könnte, wird nicht ersichtlich.

Fransz jagt sein intensiv aufspielendes Ensemble (meistern die vielen Rollen bravourös: Anna Blumer, Tabea Buser, Tobias Graupner, Fabian Müller, Frederik Rauscher) durch den temporeichen Abend. Das ist kurzweilig und unterhaltsam. Doch bleibt dabei auf der Strecke, was noch alles im «Sommernachtstraum» hätte drinstecken können. 

«Träume einer Sommernacht», Theater St.Gallen, Theatersaal Lokremise: Vorstellungen bis 26.März 2020. Im Anschluss der Vorstellung am 10.März gibt es ein Nachgespräch, moderiert vom jungen Theaterclub Voyeure St.Gallen. 

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