Ein kultivierter Theaterschimmel

Der «Kleine Onkel» in der Pippi-Langstrumpf-Inszenierung am Theater St. Gallen hat drei Auftritte im Kinderstück. Diese «Rolle» hat der 15jährige «Karat» inne; Bühnenmeister und Pferdebesitzer Othmar Egger betreut den Schimmel.

Andreas Stock
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Pippi Langstrumpfs Pferd gehört zum kecken Mädchen wie die Villa Kunterbunt oder ihr Äffchen Herr Nilsson. Für die St. Galler Inszenierung der Astrid-Lindgren-Geschichte war dann auch bald einmal klar: Nilsson kann ein Stofftier sein, aber Pippis Schimmel muss leibhaftig auf die Bühne traben.

Auf der Suche nach einem geeigneten Ross klopften die Verantwortlichen dann bei Max Müller an. Der St. Galler Transportunternehmer und Pferdehalter hatte vor gut 20 Jahren bereits einmal ein Pferd fürs Theater zur Verfügung gestellt; er erklärte sich erneut bereit, einen tierischen Auftritt zu ermöglichen.

Ängstlicher als das Pferd

«Nicht alle Pferde eigenen sich für so eine Aufgabe», sagt Othmar Egger, der Bühnenmeister am Theater St. Gallen. «Karat ist aber ein sehr ruhiges, gutmütiges Pferd, das verkehrsgewohnt ist», wie das Egger ausdrückt. Will heissen: Das 15jährige Ungarische Halbblut ist als Reit- und Kutschenpferd an Menschen und einen gewissen Rummel gewöhnt und nicht so schreckhaft. Zusammen mit seinem ein Jahr älteren Gspänli «Rocco» ist «Karat» mit Max Müller oft unterwegs, kürzlich beispielsweise beim Chlausritt. Bevor «Karat» sein Engagement am Theater in dieser Paraderolle bekam, hatte das Ross ein Casting zu bestreiten; dann wurde es bei den Proben an die Bühnensituation gewöhnt: «Das war sehr entscheidend», sagt Othmar Egger, der seit bald 40 Jahren reitet und selber Pferde besitzt. Wenn man mit Pferden vertraut sei, merke man sehr schnell, ob sich ein Tier wohl fühle. Bei «Karat» war das von Anfang an kein Problem – mehr Mühe hatten da wohl eher die drei Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie waren nicht an Pferde gewöhnt und seien «Karat» gegenüber zunächst eher ängstlich gewesen. Dominik Kaschke (Tommy) und Andrea Haller (Pippi) bekamen ein paar Reitstunden, um sich bei ihrem kurzen Ritt auf der Bühne sicherer zu fühlen.

Die Tupfen des «Kleinen Onkels»

Besitzer Max Müller bringt den Schimmel für jede Aufführung vom Stadtrand im Transporter zum Theater. Dann geht es im Zaumzeug mit dem Warenlift auf die Seitenbühne, wo das Pferd ein paar Hufschuhe über seine Beschläge bekommt. Diese Leder-Kunststoff-Finken sind nötig, damit «Karat» nicht auf dem Betonboden der Seitenbühne ausrutschen kann.

Wie es sich für einen richtigen Bühnendarsteller gehört, wartet danach die Maske auf «Karat»: Sandra Wartenberg, die ebenfalls mit Pferden vertraut ist und sich jeweils auf den besonderen Darsteller freut, malt dem Schimmel mit Wasserfarben die schwarzen Tupfen aufs Fell, die aus «Karat» erst den «Kleinen Onkel» machen. Diese Tupfen werden nach der rund 90minütigen Vorstellung mit einem feuchtem Schwamm wieder weggewischt.

Drei Auftritte hat der «Kleine Onkel» (ein Name, den Pippis Pferd nicht von Lindgren hat, sondern erst durch die berühmten Verfilmungen erhielt) auf der Bühne. Und das Kinderpublikum sei davon stets sehr beeindruckt, weiss Othmar Egger. Er betreut das Halbblut während der ganzen Vorstellung und hat nur Lob für das Pferd übrig: «Ich habe manchmal sogar das Gefühl, er geniesse seinen Auftritt richtig», sagt Egger. Während der sechs bisherigen «Pippi»-Aufführungen habe sich «Karat» schon völlig an den Ablauf gewöhnt.

Und wie steht es mit Pferdeäpfeln? «Bis jetzt hat er sein Geschäft immer auf der Seitenbühne gemacht und noch nie auf die Bühne geschissen – aber dafür gäbe es ein Szenario», sagt der Bühnenmeister, der sich freut, dass seine Liebe zu Pferden für einmal Teil seines Berufes sein kann.

Auch wenn «Karat» sich im Theater bis jetzt äusserst kultiviert aufführt, sei es durchaus ein temperamentvolles Pferd – wenn er es sein darf, erzählt Max Müller. Auch dem Pferdebesitzer bereitet der Theaterauftritt seines Schimmels und die Begeisterung des jungen Publikums ob seinem Tier so viel Freude, dass er den Aufwand gerne auf sich nimmt.

Pippi Langstrumpf im Theater St. Gallen, heute Mi, 14 Uhr, sowie am Fr, 24., 14 Uhr; So, 26., 14 und 17 Uhr; Sa, 1.1., und So, 2.1., 14 Uhr

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