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Ein Klavier häutet sich mit Latex

In der neuen Ausstellung im «Haus zur Glocke» in Steckborn dreht sich alles um Überbleibsel, Schrott und Schlacken. Die Künstler erstellen die «Totenmaske» eines Klaviers, filmen die Herstellung von Handys und fotografieren Menschen mit ihrem Besitz.
Brigitte Elsner-Heller
Galeristin mit Giesskanne: So liess sich Judit Villiger vom Haus zur Glocke von der Künstlerin in Szene setzen. (Bild: Mami Kiyoshi)

Galeristin mit Giesskanne: So liess sich Judit Villiger vom Haus zur Glocke von der Künstlerin in Szene setzen. (Bild: Mami Kiyoshi)

Seit drei Jahren veranstaltet Judit Villiger im Haus zur Glocke in Steckborn Kunstausstellungen. Dass ein Haus von 1670 nicht den Charakter eines White Cube hat, versteht sich von selbst. Zumal Judit Villiger das Haus behutsam saniert hat und es auch als Ort der Begegnung versteht. Der Austausch kann und soll hier auch am Esstisch fortgesetzt werden – «Suppe» ist ein wiederkehrender samstäglicher Programmpunkt der integrierten «Wirtschaft zur Glocke».

Klavier aus Abbruchhaus reist nach Zürich

«Vom Wert des Überbleibsels» heisst die neue Ausstellung, die bis 27. Oktober zu sehen ist. Thematischer Ausgangspunkt war die Anfrage des Künstlerduos Last (Nico Lazúla und Ruedi Staub) aus Zürich. Im Zentrum ihres Schaffens steht der Umgang mit Abbruchhäusern. Gefunden haben sie hier das Steckborner Lindenareal, eine 1900 erbaute Stickerei, die demnächst abgerissen wird. Nun ist ihre Bestandsaufnahme als Installation präsent: Unter dem Dach sind Latexabformungen von Lichtschaltern oder Haken zu sehen, dann aber auch ein übriggebliebenes Klavier, das nach Zürich transportiert wurde, um es mittels Latex zu «häuten». Die gummiartige «Totenmaske» ist das grösste Objekt im Raum.

Porzellangefässe mit Glasur aus der Müllverbrennung

Auf- und Verwertung von Resten ist auch das Thema von Tiziana Halbheer: Sie hat Schlacken aus den Müllverbrennungsanlagen Basel und Weinfelden als Glasur für Gefässe herangezogen. Erschreckend, wie sich die Schlacken zum Teil durch das Porzellan hindurchgefressen haben. Wie viel Gift produzieren wir? Was kommt wieder auf unseren Teller?

Mit dem Forschungsteam «Times of Waste» unter Flavia Caviezel aus Zürich/Basel ist man schon im Eingangsbereich des Hauses beim Thema. Mit ihren Videoinstallationen verfolgt die Gruppe den Prozess der Rohstoffgewinnung für die Handyproduktion. In menschenleeren Szenarien, von Staub belegt und oft Grau in Grau, folgt die Kamera den Fertigungsprozessen.

«Besitz ist Teil der Biografie»

Ein weiteres Stück Schweizer Vergangenheit arbeitet Erna Hürzeler auf. Sie geht der Stickereiindustrie nach, indem sie eine überdimensionierte Fadenspule aus Lochkarten aufbaut. Ein Sprung in die Gegenwart, auch die Gegenwart Steckborns, mit der Fotografin Mami Kiyoshi (Paris/Tokio). Mit ihren «New Reading Portraits» fährt sie fort, Menschen zu porträtieren, indem sie in den Objekten, die sie dazu arrangiert, deren Lebensgeschichte mit abbildet. «Alle Besitztümer sind Teil der individuellen Lebensgeschichte», sagt Mami Kiyoshi. Im April hat sie auch Menschen aus Steckborn auf diese Art ins Bild gerückt. Ein etwas älteres Porträt Judit Villigers, die selbst auch Künstlerin ist und Mami Kiyoshi in Paris kennen gelernt hat, ist ebenfalls zu sehen: Wir sehen eine Frau inmitten ihrer «wuchernden» Kunstobjekte mit einer Giesskanne in der Hand. Kunst als wachsender Kulturgarten, der gepflegt wird. Wie das Haus zur Glocke, Villigers Steckborner Projekt.

Bis 27.10., Sa 16–23, So 14–18 Uhr u. auf Anfrage. hauszurglocke.ch

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