Ein kaum bekannter Beruf

Maja Geigenmüller ist seit zwölf Jahren Orchesterdisponentin des Sinfonieorchesters. Ihre Hauptaufgabe ist es, dass das «Getriebe Orchester» wie geschmiert funktioniert. Als ausgebildete Geigerin kann sie sich in die Musiker hineinversetzen.

Martin Preisser
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Orchesterdisponentin Maja Geigenmüller in der Tonhalle St. Gallen. (Bild: Luca Linder)

Orchesterdisponentin Maja Geigenmüller in der Tonhalle St. Gallen. (Bild: Luca Linder)

Morgen am Saisoneröffnungsfest (s. Kasten) wird sie beim Kaffeeausschenken helfen, die Orchesterdisponentin des Sinfonieorchesters St. Gallen. Kaum einer weiss, dass es diesen Beruf überhaupt gibt, noch weniger wissen, was eine Orchesterdisponentin jeden Tag tut. Maja Geigenmüller beschreibt ihre Arbeit kurz und bündig: «Ich sorge dafür, dass zum richtigen Zeitpunkt auf jedem Stuhl des Orchesters die richtige Person sitzt.» Oder anders: Sie schaut, dass das «Getriebe Orchester wie geschmiert» läuft.

In engem Kontakt mit dem Dirigenten muss sie die künstlerischen Vorstellungen mit der konkreten Machbarkeit in Einklang bringen. Fällt jemand aus, muss sie gleichwertigen Ersatz suchen. Sie kümmert sich um die Einsatz- und Urlaubspläne der Orchestermusikerinnen und -musiker. Kurz: Sie schaut, dass musikalisch im Orchester alles wie am Schnürchen läuft.

Ein spezielles Biotop

Maja Geigenmüller spielt selbst Geige, ihr Nachname kommt aus dem Sächsischen und heisst so viel wie «der Müller an der Flussschleife». Die gebürtige Winterthurerin, die seit 2001 beim Sinfonieorchester arbeitet, ist selbst studierte Geigerin und hat bei Nora Chastain in Winterthur und in Baltimore studiert. Ihre eigenen Erfahrungen als Musikerin (sie war einmal Mitglied des Orchesters des Opernhauses Zürich unter Franz Welser-Möst) helfen ihr im Umgang mit dem Orchester. «Ich kenne dieses ganz eigene Biotop», sagt sie. «Musiker sind spezielle Menschen, die oft sehr sensibel sind. Immerhin müssen sie sich jeden Abend emotional voll ausdrücken.» Ist sie als Orchesterdisponentin, die wie im Sandwich zwischen Verwaltung und Orchester steht, manchmal auch «Klagemauer» oder «Hauspsychologin» für die Sorgen der Musiker? Maja Geigenmüller bejaht schmunzelnd: «Da muss man halt auch lernen, sich immer wieder abzugrenzen.»

Ihre berufliche Kompetenz hat sie durch Learning by Doing entwickelt. Wichtig für das erfolgreiche Managen des Orchesters im Arbeitsalltag seien eine gute Kenntnis der Schweizer Musikszene, Organisationstalent und ein grosses Netzwerk. «Ein Kulturmanagement-Studium hilft nur bedingt, einen guten Job als Disponentin zu machen», sagt Maja Geigenmüller. «Gedient» hat sie bisher unter Jiri Kout, David Stern und jetzt unter Otto Tausk. «Es ist eine inspirierende Zusammenarbeit mit ihm», sagt sie. «Er fordert mich mit vielen tollen Ideen.» Den Dirigententyp Otto Tausk zu definieren fällt ihr nicht schwer: «Tausk ist ein intelligenter, energiegeladener Musiker mit einer sehr natürlichen Körperlichkeit. Er kann die Musiker atmen lassen und bewahrt auch in hektischen Momenten immer die Ruhe.»

Sprung in andere Musiksparte

Als Orchesterdisponentin hat Maja Geigenmüller inzwischen eine zweite Schiene betreten: Sie betreut bei den Musicals am Theater St. Gallen die Livebands, die sie engagiert und organisiert. Rock, Pop, Musical – da hat sich für die klassische Geigerin ein ganz neues, unbekanntes Feld aufgetan. Am Anfang sei das ein Sprung ins kalte Wasser gewesen. Heute spielt die Geigerin gar in den Musicalbands mit. Was unterscheidet den Musiker des Sinfonieorchesters von dem in einer Musical-Band? Maja Geigenmüller sagt es vorsichtig: «Der Rock- oder Pop-Musiker hat doch weniger Beamtenmentalität.»

«Ihrem» Orchester stellt sie gute Noten aus, findet aber, das Sinfonieorchester St. Gallen habe in der Schweizer Musikszene nicht die Aufmerksamkeit, die es eigentlich von der Qualität und Vielseitigkeit her verdiene.

Lieblingskomponisten hat sie viele, besonders liebt Maja Geigenmüller aber Bach und Schostakowitsch: Beim Russen entdecke sie sich auch selbst: «Er hat eine so emotionale wie rational pragmatische Seite.» Beides Eigenschaften, die wohl auch den Erfolg einer guten Orchesterdisponentin ausmachen dürften.