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Ein Jahrhundert für das Wort

Die Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur St. Gallen wird 100 – und hört auf. Präsident Christian Mägerle und Schriftführer Rainer Stöckli erklären, warum. Und blicken zurück.
Peter Surber

St. Gallen. «Gegen Sprachwidrigkeiten» sind sie 1911 angetreten und für die «Schärfung des noch wenig geweckten Sprachgefühls»: die sieben Gründer der Gesellschaft für deutsche Sprache. Sprachforschung und -pflege standen denn auch vorerst im Vordergrund, sagt GdSL-Präsident Christian Mägerle und verweist auf einige Vorträge jener Jahre: «Allerlei Sprachsünden», «Über Sprachgefühl», «Von der Höflichkeit im deutschen Sprachgebrauch», aber auch «Die Schallplatte im Dienst des Sprachunterrichts» oder «Zeitungsdeutsch» diskutierte man.

Riethäusle oder Riethüsli?

Die Mundart spielte von Beginn weg eine herausragende Rolle; die Gesellschaft lud gemeinsam mit dem Heimatschutz zu Mundart- und Trachtenabenden, behandelte die Eigenheiten der Dialekte und wurde bald auch politisch aktiv: So bewirkte sie bereits 1912, dass die schwäbische Verkleinerungsform «-le» in städtischen Ortsnamen durch «-li» ersetzt wurde. «Riethäusle» wurde zum «Riethüsli», und die Gesellschaft war seither gewissermassen amtlich anerkannt.

Vorrangiges Thema wurde die Pflege des Dialekts während der Jahre der Geistigen Landesverteidigung; 1938/39 stand das gesamte Programm unter diesem Motto. Aber auch die st. gallische Mundartliteratur, mit Autorinnen wie Frieda Hilty-Gröbli oder Clara Wettach, erhielt Aufwind durch die Tätigkeit der Gesellschaft, sagt Mägerle – für den Dialekt trat noch lange danach auch Georg Thürer unermüdlich ein.

Nach dem Krieg verschob sich das Gewicht allmählich hin zur Literatur. Mit Hans-Rudolf Hilty und später Fred Kurer waren starke «Motoren» (Mägerle) fürs Zeitgenössische am Werk.

1957 etwa holt Hilty den 3. Internationalen Schriftstellerkongress nach St. Gallen, als Begleitpublikation erscheinen die drei Bände des «Goldenen Griffels», bis heute eine der massgeblichen Anthologien der Moderne. Auch Prominenz folgt dem Ruf der Gesellschaft, so 1971 Carl Zuckmayer (vor vollen Reihen in der HSG-Aula, wie sich Mägerle erinnert) oder ein Jahr später Peter Handke. 1975 lesen an acht Abenden Schweizer Gegenwartsautoren von Diggelmann bis Brambach in St. Gallen; 1978 organisiert die Gesellschaft ein internationales Lyriktreffen, daneben fördert sie stets die einheimischen Stimmen.

Vielfältig und disparat

Zeitgenössische Literatur ist bis heute das Kerngeschäft der Gesellschaft geblieben, und die Begegnungen mit Autoren zählt Mägerle denn auch im Rückblick zu den Höhepunkten. Sprachpflege wurde, sieht man von Diskussionen zur Rechtschreibreform ab, dafür kaum noch betrieben.

Und in der Literaturszene traten zunehmend neue Veranstalter auf. Darin sehen Mägerle und Rainer Stöckli, beide seit rund 30 Jahren im Vorstand der GdSL tätig, die entscheidende Veränderung: «Das Feld ist besetzt.» Das literarische Leben in der Stadt habe sich vervielfältigt und intensiviert, das gelte für Schreibende wie für Veranstalter. Ein erfreuliches Bild – aber für Stöckli auch ein «disparates»: Platz sei für alle, damit auch für Beliebigkeit.

Und parallel dazu nehme die Bereitschaft jüngerer Leute ab, in Vereinen tätig zu sein. Die Mitgliederzahl der Gesellschaft ist von über 430 in den Fünfzigerjahren – darunter alle Honoratioren der Stadt – auf etwa 160 geschrumpft.

Einige Nischen allerdings, ergänzt Rainer Stöckli, habe die Gesellschaft mit Erfolg besetzt: die Bibliotheksgespräche, die thematischen Abende zum Bodensee-Festival oder Christian Mägerles «Leselampe» in der Kellerbühne – vor allem aber die «Inachtnahme unberühmter Leute». Klingende Namen herzuholen, das hingegen gelinge auch anderen. – Und Sprachpflege? «Ein hoffnungsloses Unternehmen», meint Stöckli.

Aufhören in Würde

Aus all den Gründen sei es Zeit, aufzuhören, «in mittlerer Würde» (Stöckli). Mägerle schliesst den Wunsch an, dass die literarische Erinnerung weitergepflegt werde: «Auch ältere Autoren haben Texte geschrieben, die uns bis heute anspringen – aber dafür braucht es Vermittlung, flankierende Massnahmen.» Vielleicht steht am Samstag an der 100. Hauptversammlung jemand dafür ein. Der Vorstand (neben den Genannten Doris Überschlag und Eva Bachmann) tritt zurück; sieben Mitglieder, die magische Zahl der Gründung 1911, könnten den Verein aber am Leben halten.

Gäste (Autoren Zuckmayer, Diggelmann) und Gastgeber (H. R. Hilty). (Bilder: Archiv)

Gäste (Autoren Zuckmayer, Diggelmann) und Gastgeber (H. R. Hilty). (Bilder: Archiv)

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