Ein Inselidyll, aber keine Idealisierung

Der Schönheit und Brüchigkeit des Lebens spürt die japanische Regisseurin Naomi Kawase in ihrer Coming-of-Age-Geschichte «Still the Water» nach. In poetischen, wortkargen Szenen erzählt sie auch von der Sinnlichkeit und Unerbittlichkeit der Natur.

Andreas Stock
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Im Dschungel jugendlicher Gefühlswelt. Szene aus «Still the Water». (Bild: pd/Filmcoopi)

Im Dschungel jugendlicher Gefühlswelt. Szene aus «Still the Water». (Bild: pd/Filmcoopi)

Kaito fürchtet sich vor dem Meer. Nicht erst, seit er am Strand die Leiche eines nackten Mannes entdeckt hat. «Es lebt», begründet der 16-Jährige diese Angst gegenüber seiner Mitschülerin Kyoko. «Ich lebe auch», entgegnet sie ihm darauf. Sie, die nicht nur viel selbstbewusster ist, sondern sich vom Wasser geradezu angezogen fühlt. Gleich in ihrer Schuluniform taucht sie ab, weil sie es nicht abwarten kann, ins Meer zu tauchen. So verschieden die beiden sein mögen, zwischen Kyoko und Kaito entwickelt sich eine zarte Freundschaft.

Abwesenheit und Todesnähe

Die gegenseitige Zuneigung hat auch damit zu tun, dass sich die beiden Teenager auf unausgesprochene, fast unbewusste Weise in ihrem jeweiligen Leid zu trösten verstehen. Kaito hat die Scheidung seiner Eltern noch nicht überwunden. Während er mit seiner Mutter auf einer Pazifikinsel lebt, ist sein Vater in Tokio geblieben. Die wechselnden Männerbekanntschaften seiner Mutter machen dem Bub mindestens so sehr zu schaffen wie ihre ständige Abwesenheit, weil sie viel arbeitet. Kyoko wiederum kämpft damit, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Liebevoll kümmern sie und ihr Vater sich um sie, die keine Angst vor dem nahen Tod hat und ihre Tochter so gut wie möglich zu trösten versucht. Für sie als Schamanin der Inselgemeinschaft hat der Tod nichts Beängstigendes, sondern er ist lediglich eine weitere Etappe im Zyklus des Lebens.

Unaufdringliche Intimität

Die japanische Regisseurin Naomi Kawase gehört zu den prägnantesten Filmemacherinnen des asiatischen Kinos. Immer wieder setzt sie sich in ihren oft autobiographisch inspirierten Geschichten mit Familiendramen auseinander. In «Still the Water» mag die Gegenüberstellung der harmonischen und der dysfunktionalen Familie der beiden Teenager vielleicht schematisch sein. Doch aus den familiären Szenen entwickeln sich berührende Momente von unaufdringlicher Intimität. Die beiden jungen Schauspieler Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami verkörpern sensibel die scheu aufblühende Liebe und die Erschütterungen, von denen ihre Coming-of-Age-Geschichte erzählt.

Spirituell und pragmatisch

So, wie die Familie ein wiederkehrendes Thema von Naomi Kawase ist, so spielt die Natur als Metapher für die Seelenlandschaften der Protagonisten eine zentrale Rolle. In betörenden, symbolhaften Bildern kommt das in «Still the Water» zum Ausdruck. Die subtropische Insel Omami-Oshima und ihre naturverbundene Bevölkerung steht für eine ebenso spirituelle wie pragmatische Verbundenheit zur Natur. Die Handkamera-Aufnahmen zeigen ein üppiges Inselidyll, aber keine Idealisierung. Das Meer steht zwar für die sublime Sinnlichkeit von Kyoko, aber nicht nur. Es prescht in den ersten Aufnahmen auch bedrohlich an die Küste, und es zieht einmal ein heftiger Taifun über die Insel. Auch eine Aufnahme über die Abholzung der Mangrovenwälder macht deutlich, dass es Kawase bei aller Naturverehrung nicht um eine Utopie geht. Dazu nehmen in der poetischen, in flirrendes Sonnenlicht gebetteten Erzählung die verschatteten Seiten des Lebens zu viel Raum ein. Verlust und Tod werden von der Japanerin mit ebenso insistierendem, ruhigem Blick eingefangen. Eine der bewegendsten ist die Sterbeszene der Mutter; deren letzte Minuten werden von traditionellen Gesängen und Tänzen begleitet. Ein demütiges Verhältnis zur Natur, wie es ein alter Fischer nennt, kommt darin zum Ausdruck. Denn es sei sinnlos, der Natur widerstehen zu wollen.

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