Ein Hundeleben auch für Zweibeiner

Die Geschichte eines Dackels – auf Englisch: «Wiener Dog» – nützt Todd Solondz in seinem Film, um in vier Episoden ein schonungsloses Bild der Bewohner amerikanischer Vorstädte zu zeichnen.

Walter Gasperi
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Wenig Spielraum hat nicht nur der Hund: Szene aus der ersten Episode von «Wiener Dog». (Bild: PD/Spot on Distribution)

Wenig Spielraum hat nicht nur der Hund: Szene aus der ersten Episode von «Wiener Dog». (Bild: PD/Spot on Distribution)

Der 1959 in New Jersey geborene Todd Solondz zeichnet in seinen Filmen kein heiles Bild der Bewohner seines Heimatlandes. Vielmehr deckt er von seinem ersten Langspielfilm, der den bezeichnenden Titel «Fear, Anxiety and Depression» (1989) trägt, über «Welcome to the Dollhouse» (1995) bis zu «Palindrome» (2004) immer wieder mit sarkastischem Blick die alltäglichen Abgründe des US-Bürgertums auf.

Inspiriert von Robert Bressons «Au hasard Balthasar» (1966), in dem von den Leiden eines Esels erzählt wird, nützt Solondz das Schicksal eines Dackels, um nicht nur von dessen bedauernswertem Leben, sondern vor allem von dem seiner Besitzer zu erzählen. Ein Familienvater holt das titelgebende Tier zwar aus dem Käfig eines Tierheims, doch das Designerhaus entpuppt sich als schlimmeres Gefängnis. Denn da erklären Vater und Mutter (Julie Delpy) bald ihrem neunjährigen Sohn, der soeben eine Krebskrankheit überwunden hat, dass der Wille des Hundes gebrochen und er zu seinem eigenen Wohl sterilisiert werden müsse.

Ausbruch aus dem Regelwerk

Mit bissigem Witz schildert Solondz die Heuchelei des gehobenem Bürgertums, das zwar von Liebe, Mitgefühl und dem Glauben an die Wahrheit spricht, im eigenen Handeln diese Eigenschaften aber völlig vermissen lässt. Eindringlich vermitteln die kühl-distanzierten, genau kadrierten und meist statischen Bilder von Kameramann Ed Lachman die emotionale Kälte in der Familie.

Nur einen Moment der Befreiung gibt es hier, wenn der Bub und sein Dackel während der Abwesenheit der Eltern die Regeln brechen und eine wilde Kissenschlacht veranstalten. In Zeitlupe und begleitet von Claude Debussys «Clair de Lune» feiert der Film diesen Augenblick der Freiheit und Verspieltheit, in dem die Bettfedern durch die Luft tanzen.

Auf einen solchen Akt der Rebellion muss freilich Strafe folgen. Doch eine Tierarztassistentin (Greta Gerwig) bewahrt den Dackel vor dem Tod und nimmt ihn mit auf ihren Trip durch die USA. Ehe der Dackel in der dritten Episode bei einem erfolglosen und frustrierten Drehbuchautor (Danny DeVito) landet, der von seinen Studenten an einer Filmschule nur verlacht wird.

Tristesse des Lebens mit viel Lakonie

Wie an einer Perlenkette aufgefädelt, kann Todd Solondz durch die episodische Struktur auf unterschiedliche Lebensalter und Beziehungskonstellationen blicken: Von der Familie bis zum alleinstehenden Mittfünfziger, von der jungen Assistentin bis zur pflegebedürftigen alten Frau (Ellen Burstyn), die von ihrer Enkelin nur besucht wird, wenn diese Geld braucht.

Glückliche Menschen sucht man vergebens; lakonisch deckt Solondz mit seinem Starensemble die Tristesse des Lebens und menschliche Gemeinheiten auf und bringt immer wieder Vergänglichkeit, Krankheit und Tod ins Spiel. Sarkastisch wird in einer bewusst kitschigen Traumsequenz die alte Frau an ihre verpassten Lebenschancen erinnert. Doch so schonungslos der Blick ist, so spürt man dahinter doch stets, dass Solondz die Menschen im Grunde liebt und sie aufrütteln möchte.

Sehr unterhaltsam ist das, auch wenn der US-Regisseur an eine Entwicklung zum Besseren, an eine Befreiung aus der Einsamkeit und Verlorenheit, nicht zu glauben scheint. Dies macht eine böse Schlusspointe deutlich. Einfallsreich schliesst «Wiener Dog» damit nämlich den Kreis zum Anfang – aber nur, um dessen Bitterkeit mit schwarzem Humor zu toppen.

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region folgen.