Ein Hipster auf der Farm

«Tom à la ferme» ist der vierte Film des gefeierten kanadischen Jungregisseurs Xavier Dolan. Es hätte ein spannender Thriller über vertuschte Sexualität und eine zerbröckelnde Familienfassade werden können – wäre da nicht der narzisstische Regisseur, der niemandem neben sich Raum lässt.

Timo Posselt
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Xavier Dolan, Hauptdarsteller und Regisseur von «Tom à la ferme». (Bild: Filmcoopi)

Xavier Dolan, Hauptdarsteller und Regisseur von «Tom à la ferme». (Bild: Filmcoopi)

Wenn im Kino jemand stirbt, kommen meist Menschen zusammen, die sich ohne den Tod nicht riechen könnten. Und so fällt mancher kleinbürgerliche Vorhang. Eigentlich ein gutes Rezept für gute Filme. Anders ist das bei «Tom à la ferme» von Xavier Dolan. Enthüllt wird hier etwas hinter der Kamera, doch das strahlt bis auf die Leinwand. Aber dazu später.

Im Zentrum des Films steht eigentlich ein Toter, Toms Ex-Geliebter Gui. Zur Beileidsbekundung fährt Tom, gespielt von Regisseur Dolan, aufs weite Land Québecs und macht Guis Mutter Agathe seine Aufwartung. Unverhofft ist auf dem Bauernhof auch Guis cholerischer Bruder Francis. Dieser macht ihm schon in der ersten Nacht mit körperlicher Nachdrücklichkeit klar, dass es die schwule Beziehung von Tom zu Gui nie gegeben hat – zumindest nicht für die Mutter. Mit Toms Ankunft auf der Farm beginnt die konservative Fassade zu bröckeln. Doch Tom, ganz der Lüge verpflichtet, kittet fleissig wieder zu.

Kokain nach dem Melken

Francis troll hafte Ausbrüche haben Tradition: Früher schon tickte er gehörig aus, was ihn im Dorf zum Aussenseiter machte. Ablenkung von der öden Hofarbeit schaffen gelegentliche Kokain-Linien, die er nach getanem Tagwerk mit Tom im Stall nimmt. Trotz weiterer Attacken scheint sich dieser in seinen Schinder zu verlieben. Das ist nicht sonderlich nachvollziehbar, doch darum scheint es Dolan sowieso nicht zu gehen. Der Film wirkt oft nur wie eine grosse Bühne für Dolans noch grösseres Ego. Das gipfelt ins Szenen wie diese: Tom flüchtet Hals über Kopf von der Farm, aber sucht erst noch eine Baseballkappe, die braucht er ja unbedingt. Unnütz zu sagen, dass er danach in zahlreichen Einstellungen mit Kappe weiter- flüchtet.

Wenig Raum neben Dolan

Damit sind wir beim Problem dieses Films: Xavier Dolan. Der 25jährige franko-kanadische Regisseur übernahm Regie, Drehbuch, Schnitt, Kostüme und die Hauptrolle. Das kann man machen – wenn es der Qualität des Films keinen Abbruch tut. Doch Dolan scheint so grossen Spass daran zu haben, sich in violetter Samtjacke und Röhrenjeans Gülle aus dem Kuhstall spritzen zu sehen, dass dabei seine Figuren eindimensional bleiben. Und scheinbar nur die Zuspielenden für eine weitere Selbstinszenierung des verschrienen Wunderkinds sind. Wir bleiben allein mit Fragen wie: Woher kommt Francis Aggressivität und warum verliebt sich Tom in ihn? Doch nicht nur, weil der einsame Bauer aussieht wie ein Unterhosenmodel aus dem Jelmoli-Katalog.

Als einzige Figur mit Tiefe sticht Lise Roys als Guis Mutter Agathe aus dem Ensemble aus Pappkameraden heraus. Doch für sie ist wenig Raum neben Dolan. Insgeheim wünschte man sich den Film ohne Dolan. Dann liesse sich wenigstens die beeindruckende Bildsprache und der coole Soundtrack ohne den fahlen Beigeschmack eines cineastischen Hipster-Selfies geniessen. Natürlich sieht er das nicht so. Doch auf Kritik an seiner Egozentrik antwortete Dolan auf Twitter: «Leckt mich an meinem narzisstischen Arsch.»

Jetzt im Kinok in St. Gallen, weitere Kinos in der Region dürften folgen.