Mit einem Roman über Kriegsverbrecher für den Schweizer Buchpreis nominiert

Karl Rühmann ist eine wahre Entdeckung. In Kroatien geboren, lebt der Autor seit langem in der Schweiz und schaut in seinem raffinierten Briefroman in die Köpfe von Kriegsverbrechern und einer Kriegswitwe.

Hansruedi Kugler
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Eine der Szenen in Karl Rühmanns Roman «Der Held» spielt im Café des Landesmuseums. Deshalb posiert der Autor neben dem Neubau des Museums.

Eine der Szenen in Karl Rühmanns Roman «Der Held» spielt im Café des Landesmuseums. Deshalb posiert der Autor neben dem Neubau des Museums.

Britta Gut

«Landesmuseum, 10Uhr.» Hier, in Zürich, wird im Roman «Der Held» ein heimliches Treffen die entscheidende Wendung herbeiführen. Für die Kriegswitwe Ana endet damit ein Jahr dauernde Ungewissheit über den Tod ihres Mannes, an dessen Suizid sie nie glauben mochte. Hier, im Café des Landesmuseums, am Ort historischer Erinnerung, trifft man idealerweise den Autor zum Gespräch über seinen neuen Roman. Ältere Leser werden dieses Buch, das ohne drastische Schilderungen auskommt, beim Lesen selbst ergänzen mit den Fernsehbildern aus den frühen 1990er-Jahren: zerschossene Häuser, Leichen auf den Strassen, aufgeplusterte Politiker, hasserfüllte Nationalisten in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Ein Zeitzeuge und hochbewusster Autor

Über seine Biografie solle man nicht so viel schreiben, wünscht der 61-jährige Karl Rühmann bei unserer Begegnung in Zürich. Das Buch sei das Wichtige. Jedoch: Dieser Schriftsteller, der als Deutscher in Kroatien aufgewachsen ist, ist auch Zeitzeuge und als Literaturdozent ein hochbewusster Autor, was auf jeder Seite des herausragenden Romans spürbar ist. Sein Buch ist ohnehin ein Glücksfall: Romane nicht nur aus Opfer-, sondern überzeugend auch aus Täterperspektive sind viel zu selten.

Beide Perspektiven gelingen hier mit bestechender Figurenpsychologie. Wohl auch, weil der Autor einen starken Bezug zum Thema hat. Rühmann diente nach seinem Germanistik- und Spanischstudium in einer Antiterroreinheit der jugoslawischen Volksarmee. Den späteren Nationalismus zwischen Kroatien und Serbien habe er als «ekelerregende Dummheit voller Lügen und Propaganda» empfunden, erzählt er. Da lebte er bereits mit seiner Ehefrau in der Schweiz, wo er elf Jahre lang Literarisches Schreiben unterrichtete und unterdessen als Übersetzer, Dolmetscher und Schriftsteller arbeitet.

Seine Eltern aber wohnten in ihrem kroatischen Dorf unweit der Frontlinie zur serbisch besetzten Krajina. Und Rühmann erzählt: «Meine ehemaligen Klassenkameraden führten diesen Krieg gegeneinander. Ein Mitschüler, dem ich bei den Hausaufgaben geholfen hatte, kommandierte die Truppe, die das Dorf und das Haus meiner Eltern beschoss.» Während die Nationalisten auf beiden Seiten vom Freiheitskampf schwärmten, sei das Leben seiner Eltern immer eingeschränkter und bedrohter geworden. «Das ist die eigentliche Realität. Krieg ist immer privat. Alles andere ist dummes, hohles Pathos.» Er sagt das, ohne sich zu ereifern oder Leute zu verfluchen.

«Als kleiner Junge glaubte ich, Tito sei unsterblich»

Rühmann ist ein besonnener Mann mit scharfem Verstand. Auch dann, wenn er die Heldenverehrung in Ex-Jugoslawien kritisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien in Jugoslawien Unzählige mit Ehrenorden für Heldentaten herumgelaufen, erzählt er. Staatschef Tito habe gespottet, wenn er so viele Helden gehabt hätte, wäre der Krieg in drei Wochen gewonnen gewesen.

Das erbärmliche Spiel, die Vergangenheit zu verherrlichen, provoziere bloss deren Wiederholung, heisst es einmal im Roman. Was wie ein Satz des Autors tönt, der Heldentum als Krankheit erlebt hat. «Als kleiner Junge glaubte ich fest daran, Tito sei unsterblich», erzählt er. Und schüttelt den Kopf über die pathetische Überhöhung der Politik: In Jugoslawien habe die an sich ehrenwerte Parole «Brüderlichkeit und Einigkeit» gegolten, die aber unter den Nationalisten zum verlogenen Pathos verkommen sei: «Der spätere kroatische Präsident Franjo Tudjman hatte den Übernamen Papa».

Aus der Kinderperspektive erzählte Rühmann auch in seinem Vorgängerroman «Glasmurmeln, ziegelrot», von einem Kind, das sich aus der Bedrohung in Geschichten rettet. «Eine ungerechte Strafe verwandelt sich in der Fantasie zur Ritterprüfung, der Schmerz bekommt Sinn», erklärt er, und ergänzt: «was auch gefährlich ist, denn so wird man empfänglich für pathetische Heldengeschichten.»

Die umstrittene Militäroperation Donner, um die sich die Schuldfrage in «Der Held» dreht, gleicht der Operation Medak 1993 des kroatischen Generals Bobetko, der einen Landzipfel in der serbischen Krajina zurückerobert hatte. Wesentliche Elemente seien aber verändert, sagt Rühmann. Über den General Modoran sagt er verstörende Sätze wie: «Schuldig freigesprochen zu werden, ist schwieriger zu ertragen als unschuldig im Gefängnis zu sitzen.» Zumindest für jemanden, der einen Sinn für Moral hat. Dass er auch dem General einen solchen Sinn belässt, macht den Roman packend.

Klar sei für ihn: «Der Romantitel ist sarkastisch.» Dem Kriegshelden Modoran bleibe nur eine Hülle: das Wort «Held». Die wird er bis zur Selbstverleugnung nicht mehr los. Er schafft nicht, was Rühmann an anderen Konflikten vermisst: «Ein Held ist einer, der sich der Wahrheit stellt.»

Karl Rühmann: Der Held. Roman, rüffer&rub, 258 Seiten.