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Dieser Komponist legte seiner Angebeteten eines der grössten Werke der Romantik zu Füssen

Als Student entbrannte Hector Berlioz im Theater für eine gefeierte Schauspielerin. Wie im Fieberwahn komponierte er ein emotional aufgeputschtes Werk.Vor 150 Jahren starb Berlioz, einer der grossen Freigeister der Musik.
Rolf App
Hector Berlioz war auch ein willkommenes Sujet für die Karikaturisten seiner Zeit. Dieser Kupferstich aus der Wiener Theaterzeitung zeigt «ein Konzert im Jahre 1846» - bei dem sich die Zuhörer die Ohren zuhalten. (Bild: Keystone)

Hector Berlioz war auch ein willkommenes Sujet für die Karikaturisten seiner Zeit. Dieser Kupferstich aus der Wiener Theaterzeitung zeigt «ein Konzert im Jahre 1846» - bei dem sich die Zuhörer die Ohren zuhalten. (Bild: Keystone)

Hector Berlioz hatte Harriet Smithson zum ersten Mal am 11. September 1827 gesehen - und somit fünf Jahre vor dem Konservatoriums-Konzert. Die Schauspielerin stand als Shakespeares Ophelia auf der Theaterbühne. Ein unscheinbarer Student im Publikum entbrannte für die gefeierte Engländerin. Wie im Fieberwahn komponierte er ein emotional aufgeputschtes Werk.

Im September 1827 kommt eine englische Schauspieltruppe nach Paris und spielt Shakespeare. Das französische Publikum kennt diese Dramen nicht. Auch der 24-jährige Hector Berlioz geht hin, sieht «Hamlet», versteht kein Wort, weil er kein Englisch kann. Aber er erblickt sie. Harriet Smithson, die hoch begabte Schauspielerin, hat sein leicht entflammbares Herz ergriffen.

Die Angebetete geht auf Tournee

Tags darauf ist er wieder da. «Romeo und Julia» steht auf dem Anschlagzettel, im dritten Aufzug kann er nur noch mühsam atmen. Es ist, als ob eine eiserne Hand sein Herz umklammert, und Berlioz denkt:

«Ach, ich bin verloren!»

Er ist es auch tatsächlich. Denn obwohl sie bald das Land verlässt und auf Tournee geht, lässt ihn diese Frau, die er noch nicht einmal kennt, nicht wieder los. Jahre vergehen, in denen Berlioz manchmal wie gelähmt ist. «Ich komponierte nicht mehr», beschreibt er die Zeit in seinen Memoiren. Und: «Mein Verstand schien in dem Masse abzunehmen, wie meine Reizbarkeit zunahm. Ich tat nichts...als leiden.»

Dort weiterfahren, wo Beethoven aufgehört hat

Die musikalische Öffentlichkeit ist tief gespalten. Kurz zuvor hat das Konservatorium, an dem Berlioz studiert, Beethovens Sinfonien kennen gelernt. Lesueur, einer seiner Lehrer, ist von der C-Moll-Sinfonie derart entsetzt, dass er beim Verlassen der Loge, als er seinen Hut aufsetzen will, seinen Kopf kaum finden kann. Er sagt: «Solche Musik sollte man nicht machen.» Das öffnet Berlioz die Augen. «Ich verliess die alte Strasse, um über Berg und Tal, durch Wald und Feld meinen Weg zu nehmen.»

Musik, davon ist er jetzt überzeugt, soll nicht beruhigen. Sie soll aufwühlen.

Wie sehr sie aufwühlen kann, das beweist er schon bald, und der Knoten löst sich, den Harriet Smithson geschürzt hat. Teilweise mit grosser Mühe, teilweise mit unglaublicher Leichtigkeit komponiert er eine Sinfonie und nennt sie «Symphonie fantastique». In ihr verarbeitet er all die Gefühle, die in ihm wabern, mit einem Hauptthema, das er «idée fixe» nennt.

Scharfzüngiger Zeitgenosse

Seine Musik blendet Realität und Wahnvorstellungen kunstvoll übereinander, im Finale gerät dann in einem Hexen­sabbat die Grenze zwischen Ton und Geräusch ins Wanken. Mit ihr löst Berlioz ein Versprechen ein: «Ich werde dort fortsetzen, wo Beethoven aufgehört hat.» Und er erfährt, dass Harriet Smithson wieder da ist. Jetzt kann er sie endlich kennen lernen, kann sich verlieben, kann sie heiraten. Sie werden ein sehr kämpferisches, aber auch ein mit allerlei Unglück gesegnetes Paar abgeben. Ein Paar, das ständig Schulden hat und viele, sehr viele Feinde. Denn da ist nicht nur die Musik, an der man Anstoss nimmt.

Berlioz ist auch ein ziemlich scharfzüngiger Zeitgenosse. Als ihn der Herausgeber einer Zeitung fragt, ob er nicht Musikkritiken schreiben wolle, sagt er zwar: «Ich bin aber kein Schriftsteller.» Aber der Gedanke, damit auch eine sehr scharfe Waffe in die Hand zu bekommen, sagt ihm sogleich zu.

«Wie eine Katze, die Senf gefressen hat»

Wie sehr ihm das neue Feld behagt, zeigen seine Memoiren, die man noch heute, 150 Jahre nach dem Tod ihres Autors, mit enormem Vergnügen liest. Etwa wenn Berlioz Luigi Cherubini beschreibt, den von ihm lebhaft gehassten Direktor des Konservatoriums, wie er nach der zweiten Aufführung der «Symphonie fantastique» aussieht «wie eine Katze, der man Senf zu fressen gegeben hat».

Am Tag zuvor hat Berlioz Franz Liszt kennen gelernt. Er wird einer seiner wichtigen Freunde werden, zusammen mit dem Geiger Niccoló Paganini, der Berlioz nachgerade verehrt und ihn auch finanziell unterstützt. Denn das Geld ist immer ein Problem. Kaum je hat er mehrere Monate Zeit, um sich in aller Ruhe der Komposition eines neuen Werks zu widmen.

Diese Werke auch aufzuführen, die so neuartig und kühn und persönlich sind, das stellt ein weiteres Hindernis dar. Ein erstes grosses Konzert endet im Desaster, denn das Programm ist viel zu lang. Als die Uhr gegen Mitternacht geht und eigentlich noch die «Symphonie fantastique» gespielt werden müsste, verlassen immer mehr Musiker das Podium, bis Berlioz abbrechen muss. Von da an gibt er seine Musik in die Hand fremder Dirigenten, auch dies allerdings mit sehr gemischtem Resultat. Bis er dann wieder selber die Regie übernimmt. Anlass dazu ist die vierte Aufführung von «Harold in Italien», einem Konzert für Bratsche und Orchester, das Berlioz für Paganini komponiert hat, und das zu seinen bekannteren Werken zählt - neben der «Symphonie fantastique», die sich in ihrer enormen Kühnheit als unsterblich erwiesen hat. Darüber hinaus aber ist vieles von seinem Werk bei uns wenig bekannt. Hin und wieder aufgeführt wird «La Damnation de Faust», vielleicht auch noch «Roméo et Juliette». Einige Ouverturen finden sich in den Konzertprogrammen. Doch «Benvenuto Cellini», seine erste Oper, und «Les Troyens» und «Béatrice et Bénedict», die weiteren Werke in diesem Genre, haben es ausserhalb Frankreichs immer noch schwer.

«In glühendem, nie befriedigtem Drang»

Das ist schade. Denn dieser Komponist, der vor 150 Jahren am 8.März 1869 starb, ist immer noch der Entdeckung wert. Noch immer gilt, was der Musikkritiker Eduard Hanslick schrieb: «Unser kleiner Kreis schwärmte für den genialen Franzosen. Sein künstlerisches Ideal erfüllte ihn völlig; die Verwirklichung dessen, was er in glühendem, nie befriedigtem Drang als schön und gross empfand, bildete sein einzig Ziel und Streben.»

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