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Quentin Tarantinos neuer Film ist ein grossartiges Hollywoodmärchen

Quentin Tarantino tobt sich aus in seiner abgründigen Liebeserklärung an Hollywood. Der heimliche Star von «Once Upon a Time in Hollywood» ist die Bühnenbildnerin Barbara Ling.
Andreas Scheiner
Regisseur Quentin Tarantino vor der Filmkulisse von «Once Upon a Time in Hollywood». Schon als Bub in Los Angeles hat er von Glamourwelt geträumt. (Bild:Key)

Regisseur Quentin Tarantino vor der Filmkulisse von «Once Upon a Time in Hollywood». Schon als Bub in Los Angeles hat er von Glamourwelt geträumt. (Bild:Key)

Vergessen wir für einen Moment Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie und wie die Stars in «Once Upon a Time in Hollywood» alle heissen: An erster Stelle ein paar Worte zu einer gewissen Barbara Ling. Denn die übernahm die Ausstattung beim neuen Film von Quentin Tarantino, und ohne Barbara Lings schillernde Kulisse hätten sich die Superstars noch so abstrampeln können. Ling beherrscht das Sechzigerjahre-Kalifornien-Dekor wie keine Zweite, das hat sie schon bei Oliver Stones «The Doors» (1991) bewiesen.

Für Tarantino stellte sie jetzt das Los Angeles von 1969 virtuos nach, ohne faulen Computerzauber, versteht sich: Hier ist jede Neonröhre handmontiert. Die ikonischen Werbetafeln über den Boulevards erzählen alle ihre eigenen kleinen Geschichten, die Schaufensterauslagen scheinen wie 50 Jahre durch die Zeit gereist. Alles ist an seinem Platz, alles hat Bedeutung.

Man weiss ja um Tarantinos «hysterische Liebe zum Detail» («Die Zeit»): Aber im Team mit dieser Barbara Ling, mit der Kostümbildnerin Arianne Phillips auch und nicht zu vergessen Kameramann Robert Richardson (der übrigens auch Oliver Stones «The Doors» gefilmt hat), übertrifft sich der Meister glatt selbst: «Once Upon a Time in Hollywood» ist zuallererst ein ganz grosses Kino der Attraktionen.

Zwischen Abgrund und Morgenglanz

Mit der ihm eigenen Faszination fürs Abgründige taucht Tarantino ein in das Jahr, als der Sektenführer Charles Manson und seine Psycho-Hippies hingingen, es der Gewaltfabrik Hollywood heimzuzahlen: «Meine Idee ist es, die Leute zu töten, die uns das Töten beigebracht haben», sagt eines der irren Blumenkinder im Film. Die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate und vier andere sollten die Nacht auf den 9. August 1969 nicht überleben. Gute zweieinhalb Stunden steuert der Film auf den Abgrund zu. Aber bis es zum frühmorgendlichen Blutbad kommt, kurven wir mit Tarantino durch ein L.A. im goldenen Tageslicht, während ein Schauspieler den alten Glanz sucht.

Es ist dies der Serienheld Rick Dalton (wunderbar überdreht: Leonardo DiCaprio): Eben noch war er ein gefeierter Westernstar, jetzt muss er sich mit dumpfen Bösewichtrollen begnügen. Aufstieg und Fall liegen eben Tür an Tür in der Traumfabrik. In den Hügeln über Beverly Hills bezieht das Ehepaar Polanski/Tate (Rafal Zawierucha, Margot Robbie) die Villa neben dem Anwesen von Dalton. Der weiss: «Ich bin vielleicht nur eine Poolparty davon entfernt, in einem Polanski-Film zu spielen!» Stattdessen treibt er einsam auf der Luftmatratze im eignen Bassin und schiesst sich mit Whiskey Sour ab. Ein Agent (charismatisch wie in besten Zeiten: Al Pacino) will Rick nach Italien abschieben, damit er Spaghettiwestern dreht. Nur Cliff (cooler denn je: Brad Pitt) glaubt noch an Rick. Er ist nicht nur sein Stunt-Double, sondern auch der Mann, der Rick die Sonnenbrille aufsetzt, wenn er wieder einen Weinkrampf hat.

Doppelspiel und Erinnerung

Der gebeutelte Westernstar und sein abgebrühter Sidekick: Tarantino hat einen Riesenspass mit den zweien. Das hat «Pulp Fiction»-Qualität. Überhaupt packt Tarantino viel aus der eigenen Filmografie in seinen neunten (und wie er behauptet, zweitletzten) Film, und er zitiert mal wieder im Wimpernschlagtempo aus den entferntesten Ecken der Filmgeschichte. Allein mit der Zitateflut liesse sich ein Filmseminar füllen.

Aber was hat der ultralässig inszenierte, selbstreferentielle Schwank um Rick und Cliff mit Charles Manson zu tun? Man könnte das so lesen: Mit der Geschichte vom verblassten Star und dem Double, das, wenn’s gefährlich wird, den Kopf hinhalten muss, spiegelt Tarantino ein Land, welches sich gerade in Vietnam ins Verderben reitet, während gleichzeitig die Kulturindustrie gewaltverherrlichende Zerstreuungsware produziert.

Auffällig ist, wie Tarantino mit Doppellungen arbeitet: Wenn Sharon Tate sich in den eigenen Film setzt und im Kinosessel die Bewegungen wiederholt, die sie auf der Leinwand macht, ist sie auch eine Art Double ihrer selbst. Oder dann Rick, der irgendwann wirklich nach Italien geht, wo der Italowestern den US-Western doubelt. Im tiefenentspannten, an keiner grossen Karriere interessierten Stuntman, der gerne zulangt, spiegelt sich gleichzeitig der mordlüsterne Hippie, der dann in der Mordnacht vor der Türe steht und aussieht halb wie Jesus, halb wie der Teufel.

Was Klein-Quentin träumte

Allerhand steckt also in diesem Film, der neben dem Abgründigen auch einen unerwartet warmen Blick auf eine Stadt und eine Zeit wirft, deren Kind Quentin Tarantino ist: 1969 lebte Klein Quentin mit seiner ihn allein erziehenden Mutter in South Bay, am Südrand von Los Angeles, und der vor dem Fernseher sitzende Junge malte sich aus, wie es wohl sein mochte, droben in Hollywood. Als Kind fantasierte sich Quentin Tarantino ein Märchenhollywood herbei. Mit «Once Upon a Time in Hollywood» hat er nun ein grossartiges Hollywoodmärchen geschaffen.

Once Upon a Time in Hollywood (USA 2019, 159 Min.) Ab Donnerstag 15.8. im Kino.

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