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Ein gespenstischer Nachkriegsalltag

Die Lebensrealität der Menschen in Tschetschenien ist voller Widersprüche, die gesellschaftliche und politische Situation komplex. Der Dokumentarfilm «Grozny Blues» von Nicola Bellucci wirft in impressionistischen Bildern einen eindrücklichen Blick darauf.
Andreas Stock
Mit der Kamera gegen das Vergessen: Menschenrechtlerin Taita. (Bild: pd/Cineworx)

Mit der Kamera gegen das Vergessen: Menschenrechtlerin Taita. (Bild: pd/Cineworx)

Für seinen Traum von der Unabhängigkeit hat Tschetschenien einen hohen Preis bezahlt: Mindestens 160 000 Opfer soll der Aufstand gegen Russland gekostet haben. Anfang 2000 war die Hauptstadt Grosny eine Ruinenlandschaft, die «am meisten zerstörte Stadt der Welt» gemäss Unesco. «Heute ist Tschetschenien eine relativ friedliche, stabile russische Republik», sagt der italienisch-schweizerische Regisseur Nicolas Bellucci. Er ist in den letzten Jahren mehrmals ins Land gereist. «Aber der Wiederaufbau ist nur eine Fassade. Die Mehrheit der Bevölkerung bleibt arm und arbeitslos.»

Assoziative Montage

Bellucci wirft den Zuschauer in seiner für den Schweizer Filmpreis nominierten Dokumentation mitten hinein in das vom Krieg noch gezeichnete und von der Autokratie seines Herrschers Ramsan Kadyrow geprägte Land. Es ist ein impressionistischer Blick, der Menschen zu Wort kommen lässt und Momente des Alltags einfängt. Und das trotz strenger Zensur und harten Strafen gegen jegliche Form von Opposition. Was als Normalität erscheinen soll, wirkt gespenstisch: Kapitalismus und archaisch-islamistische Sitten (Kopftuch, Zwangsheiraten, Koranschule) treffen auf staatliche Repression und Willkür. Und auf eine Propagandamaschinerie, die zum Ausdruck kommt, beispielsweise in gigantischen Plakaten und Porträts von Putin und Kadyrow, die überall prangen. Doch es sind beinahe verwirrend viele Eindrücke, die einen in «Grozny Blues» unkommentiert und in einer teils assoziativen Collage erreichen. Zudem verbindet die Montage von Anja Bombelli zwei Zeitebenen miteinander. Die Gegenwart wird immer wieder von Aufnahmen aus der Kriegszeit durchbrochen, die Zerstörung, Leid und Widerstand dokumentieren.

Beharrliche, mutige Frauen

Die alten Videoaufnahmen stammen von vier Menschenrechtlerinnen. Sie haben damals alles dokumentiert, um gegen das Vergessen und Leugnen anzutreten – ihre Dokumente lagern sie in der Schweiz, wohin auch eine der Frauen emigriert ist. Drei von ihnen sind immer noch in Grosny und kämpfen von ihrem Büro aus für die Rechte der Frauen und die Einhaltung der Menschenrechte. Im Untergeschoss befindet sich der letzte Bluesclub, der noch regelmässig Livebands mit westlich orientierter Musik beherbergt.

Die Frauenrechtlerinnen, insbesondere Taita, stehen im vielstimmigen Dokumentarfilm im Zentrum. Es sind mutige Frauen, die auf beharrliche, stille Weise für die Rechte einstehen. Sie beraten weiterhin Frauen, deren Kinder und Ehemänner spurlos verschwunden sind. Oder sie informieren Mädchen und junge Frauen über ihre Rechte.

Die Lebensrealität der Menschen in Tschetschenien ist voller Widersprüche, politisch und gesellschaftlich komplex und damit schwer in einem Film verständlich zu machen, der eben nicht auf Texte und Kommentare setzt, sondern auf Bilder und Begegnungen mit Menschen – das macht sowohl Stärke wie Manko von «Grozny Blues» aus. Sein Stimmungsbericht ist allerdings so eindrücklich, dass er das Interesse weckt, mehr über die Situation dieses Landes zu erfahren. Eine gute Möglichkeit dazu besteht morgen, wenn der Regisseur persönlich im Kinok zu Besuch ist.

So, 3.4., 17.30 Uhr, in Anwesenheit von Regisseur Nicola Bellucci; weitere Kinos in der Region folgen.

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