Ein Gesangsfest abgewiesener Liebhaber

Zurückhaltend-stimmige Regie, drei hochstehend rivalisierende Tenöre und eine kraftvolle Desdemona: Das ist Rossinis «Otello» in Zürich.

Verena Naegele
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Kammerspiel um Macht: John Osborn und Cecilia Bartoli. (Bild: ky/Niklaus Stauss)

Kammerspiel um Macht: John Osborn und Cecilia Bartoli. (Bild: ky/Niklaus Stauss)

Es ist ein etwas anderer, gewöhnungsbedürftiger «Otello», der im Opernhaus Zürich Premiere hatte. Intrigant Jago agiert als Tenor mit hoher Tessitura, und er ist musikalisch deutlich im Hintergrund. Rodrigo, ebenfalls ein Tenor mit vielen Fiorituren, wird dafür aufgewertet zum prominenten Gegenspieler Otellos um die (vermeintliche) Gunst Desdemonas.

Ja, und dann ist da eben diese Desdemona, alles andere als ein blondes Sopran-Himmelsmädchen wie bei Verdi, sondern eine kraftvolle, an die Wand gedrängte Mezzosopranistin, die zerrieben wird zwischen dem eifersüchtigen Ehemann, dem werbenden Freier und dem auf Ehre versessenen Vater. Ein gefundenes Fressen für Cecilia Bartoli, die sich hier mit phänomenalen Koloraturen, kraftvollem Furor und lyrischem Schmelz auf den Spuren Isabelle Colbrans bewegt.

Dichte Einheit

Vielleicht sollte man Rossinis 1816 in Neapel uraufgeführte, freie Version von Shakespeares Drama umbenennen, um sich unvoreingenommen diesem frühen Belcanto-Werk zu nähern. Das Regieteam Moshe Leiser und Patrice Caurier, das sich mit originellen Inszenierungen einen Namen gemacht hat, tut dies auf seine Weise: Indem es das Werk beim musikalischen Wort nimmt und Szene und Musik zu einer dichten, stringenten Einheit führt.

Schon bei der Ankunft des siegreichen Otello gibt es keinen venezianischen Bombast, sondern eine militärisch strenge Feier der Männergesellschaft im Anzug. Damit wird «Otello» zum Kammerspiel um (rassistisch) geprägte Macht, was im Mittelakt noch deutlicher wird, wo Otellos Heimat als schummrige Immigranten-Spelunke aus den 1960er-Jahren erscheint. Diese reizvolle Deutung hat aber ihre Tücken, denn das Stück wird stark auf Rossinis Musik zurückgeworfen.

Bewundernswerte Supertenöre

Und hier gibt es, bei aller Stringenz des Dirigats von Muhai Tang, auch Längen, Arien, die zu stark an die Buffa anschliessen. Die Accompagnato-Rezitative sind teilweise variantenreich, ziehen sich aber zuweilen auch in die Länge. Farbenreich gesetzt ist das Orchester, was mit dem engagiert spielenden «Historiker-Orchester» La Scintilla spannungsvoll umgesetzt wird. Ein besonderes Lob dem Klarinettisten Robert Pickup, der die Musik virtuos belebt.

In diesem leichten, flirrenden musikalischen Ambiente braucht es drei Supertenöre, die Zürich bewundernswert vorweisen kann. Lokalmatador Javier Camarena legt als Rodrigo ein brillantes Zeugnis seines sängerischen Vermögens ab, das von beweglichen Fiorituren bis zu dramatischen Spitzentönen reicht und auch schauspielerisch keine Wünsche offenlässt. Gleiches gilt für John Osborn als Otello: Bekundete er im 1. Akt intonatorisch auch noch etwas Mühe, so gestaltete er die folgenden hochdramatischen Teile mit überzeugendem Impetus.

Belcanto-Tenor-Glamour

Vor allem der Mittelakt voller Intrigen und Kämpfe hatte es mit den Duellen Otello–Jago und Otello–Rodrigo in sich, denn so viel geballter Belcanto-Tenor-Glamour wird kaum je gehört. Dass Edgardo Rocha als Jago sich vom Timbre und Selbstverständnis als Tenore di grazia problemlos integrierte, machte das Ganze zum Gesangsfest abgewiesener Liebhaber.

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