Ein gebückter Harald Naegeli ist zurück

Plötzlich waren sie da, die pinkfarbenen Strichzeichnungen. Machten den Abendspaziergang in Rotmonten zum Gang durch eine Freiluftgalerie auf Asphalt. Alle zwanzig oder fünfzig Meter trifft der Spaziergänger auf eine der rätselhaften Figuren.

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Freiluftgalerie? Rundungen, Geraden, Punkte und buchstabenähnliche Zeichen in der Tannenstrasse. (Bild: Tonia Bergamin)

Freiluftgalerie? Rundungen, Geraden, Punkte und buchstabenähnliche Zeichen in der Tannenstrasse. (Bild: Tonia Bergamin)

Plötzlich waren sie da, die pinkfarbenen Strichzeichnungen. Machten den Abendspaziergang in Rotmonten zum Gang durch eine Freiluftgalerie auf Asphalt. Alle zwanzig oder fünfzig Meter trifft der Spaziergänger auf eine der rätselhaften Figuren. Elegant hingeworfene Strichrundungen und Spiralen, stilsicher gezogene Geraden, Vierecke mit Kreisen drin, gerundete Flecken, buchstabenähnliche Zeichen.

So bleibt der Fussgänger immer wieder stehen, folgt mit dem Blick den Drehbewegungen. Und stellt allmählich fest, bei seinen weiteren Gängen durch die Stadt: Es gibt sie auch in anderen Quartieren, diese Bodenfiguren. Hingemalt von irgendwem, irgendwann.

Illegale Interventionen

Da denkt der Spaziergänger natürlich gleich an Harald Naegeli. Der hatte Ende der 1970er-Jahre weltweit Berühmtheit erlangt, nachdem er in Zürich Hauswände und Betonmauern mit seinen Strichmännchen verunstaltet hatte. So zumindest hatte man seine künstlerische Interventionen interpretiert. Folgerichtig wurde er wegen wiederholter Sachbeschädigung mit einer hohen Geldstrafe und neun Monaten Haft bestraft. Der Vollstreckung des Urteils entzog sich der Sprayer von Zürich durch die Flucht nach Deutschland.

Asphalt fürs Museum?

Ist Naegeli wieder aktiv, ein gealterter und gebückter Naegeli, der nun nicht mehr Wände, sondern Strassenbeläge besprayt? Die Erklärung dürfte eine andere sein. Die rätselhaften Figuren sind wohl Markierungen, welche oberirdisch den künftigen Verlauf des Glasfasernetzes anzeigen. Und also mit dem Auffahren der Baumaschinen verschwinden werden. Oder werden die besprayten Asphaltstücke dem Kunstmuseum übergeben? Schliesslich sind in Zürich einzelne Naegeli-Sprayereien nach einem Gesinnungswandel aufwendig restauriert worden. Beda Hanimann