Ein ganzes Leben lang kein «ich»

«Und beim Einschlafen ertappten wir uns oft dabei, wie wir an den Bauernjungen dachten, mit dem wir jeden Nachmittag auf dem Heimweg von der Schule geredet hatten – der wunderschöne Junge aus dem Nachbardorf, dessen Hände dem Boden selbst die die widerspenstigsten Keimlinge entlocken konnten –, und daran, wie unsere Mutter, die alles wusste, uns angesehen hatte, als seien wir verrückt geworden.»

Drucken
Teilen
Julie Otsuka (Bild: pd/Robert Bessoir)

Julie Otsuka (Bild: pd/Robert Bessoir)

Ein ganzes Leben lang kein «ich»

«Und beim Einschlafen ertappten wir uns oft dabei, wie wir an den Bauernjungen dachten, mit dem wir jeden Nachmittag auf dem Heimweg von der Schule geredet hatten – der wunderschöne Junge aus dem Nachbardorf, dessen Hände dem Boden selbst die widerspenstigsten Keimlinge entlocken konnten –, und daran, wie unsere Mutter, die alles wusste, uns angesehen hatte, als seien wir verrückt geworden.»

Japanerinnen in den USA

Es sind Passagen dieser Art, in denen die japanischstämmige Amerikanerin Julie Otsuka ihr – mit dem Pen/Faulkner Award preisgekröntes – Buch auf den Punkt bringt: seine emotionale Essenz, seine Wahrheit.

Denn hatten sie das wirklich gewollt, diese ganzen blutjungen Japanerinnen, die sich vor knapp hundert Jahren auf dem Schiff zusammenfanden, unterwegs nach Amerika, wo japanische Männer auf sie warteten, die ihnen den Himmel auf Erden versprochen und wunderschöne Bilder geschickt hatten? Auf dem Schiff eint die Mädchen die grosse Ungewissheit: Wie wird ihr zukünftiger Mann sein? Welches Gesicht wird ihre Zukunft haben?

Ahnen sie schon, was die Leserin ahnt? Dass sie auf genau das zufahren, wovor ihre Mütter sie bewahren wollten – den Rest des Lebens gebückt auf Feldern zu verbringen. Zunächst aber steht ihnen der Moment bevor, in dem sie in der «Meute von Männern mit ihren Wollmützen und schäbigen schwarzen Mänteln keine Ähnlichkeit mit den gut aussehenden jungen Männern auf den Fotos erkennen».

Und so laufen sie in die unterschiedlichsten Schicksale hinein, von denen die meisten mit vielen Kindern, die traurigste mit Selbstmord enden. Eheliche Gemeinschaft? Erfüllung? Glück? Darum geht es nicht in Otsukas schmalem Roman, und auch nicht um die Neue Welt Amerika, in der diese jungen und älter werdenden Frauen ja nie wirklich ankommen. Sie lernen die Sprache nicht, fast wirkt es, als hätten sie das Schiff und die zu ihm gehörige grosse Ungewissheit gar nie verlassen.

Die kollektive Stimme

«Wovon wir träumten» ist mit einer kollektiven Stimme erzählt: Konsequent durchläuft den Text ein «wir», mit dem vielleicht erzählt werden soll, dass alles individuell Unterscheidende weniger wesentlich ist als das ihnen allen Gemeinsame. Dabei ist dies «wir» nichts Starres: Meint es am Anfang die Mädchen auf dem Schiff, und «sie» die fremden Männer, so ändert sich dies, nachdem sie eine Weile im Land sind; dann sind «wir» die japanischen Paare und «sie» die Weissen, für die sie arbeiten und ewig Drittklassmenschen bleiben werden. «Sie» sind aber auch die eigenen Männer: «Sie nahmen uns grob, rücksichtslos und ohne jedes Gefühl für unsere Schmerzen. Ich dachte, mir platzt die Gebärmutter. Sie nahmen uns, selbst wenn wir unsere Beine zusammendrückten und sagten: <Bitte nicht>. Sie nahmen uns vorsichtig, als fürchteten sie, wir könnten zerbrechen. Du bist so klein. Sie nahmen uns kalt, aber kennerhaft – In zwanzig Sekunden verlierst du jede Kontrolle – und uns war klar, dass es vor uns viele andere gegeben hatte.» «Sie» sind später auch die Kinder, die als grössere sich mehr und mehr von der japanischen Identität verabschieden.

Leise, poetische, präzise Kunst

Und schliesslich, im allerletzten Kapitel, sind «sie» die japanischen Familien, und «wir» die Amerikaner, die sie vermissen: Das aber ist lange nachdem die Japaner anlässlich von Pearl Harbour und Amerikas Eintritt in den Krieg gegen Deutschland und Japan einen Evakuierungsbefehl erhalten hatten und nun nach der alten auch die neue Heimat verlassen mussten.

Es ist eine leise, poetische, präzise Kunst, der man bei Julie Otsuka zuhört, und man muss genau zuhören: den Weggeschickten und am fremden Ort den eigenen Männern und weissen Herren Unterworfenen; ihnen, von denen sich die Kinder entfremden, und die schliesslich alles verlassen müssen, was sie aufgebaut haben: Schicksale, in einer Weise fremdbestimmt, dass es ein ganzes Leben lang nicht zu einem «ich» kommt.

Bernadette Conrad