Eine ganz neue Sicht auf Thurgauer Militärbunker: Betonbauten, die auch Poesie ausstrahlen können

Kerstin Kubalek und Christoph Laib haben die Bunker des Kreuzlinger Festungsgürtels in künstlerischen Bildern eingefangen. Die Ausstellung im Seetal-Bunker in Kreuzlingen ist fertig. Nach Corona-Entwarnung soll sie aufgehen.

Martin Preisser
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Christoph Laib und Kerstin Kubalek in ihrer Ausstellung im Bunker unter dem Kreuzlinger Schulhaus Seetal.

Christoph Laib und Kerstin Kubalek in ihrer Ausstellung im Bunker unter dem Kreuzlinger Schulhaus Seetal.

Bild: Andrea Stalder

Fotografien von Bunkern, die Poesie, ja Romantik ausstrahlen? Oder die gar an impressionistische Ästhetik erinnern? Kaum vorstellbar und doch zu erleben auf den Arbeiten der Ermatinger Künstlerin Kerstin Kubalek und des Thurgauer Fotografen Christoph Laib. Die Bilder von Bunkern des Kreuzlinger Festungsgürtels, der ab 1937 errichtet wurde, sind mit Wachs beschichtet und wirken dadurch etwas weichgezeichnet. Kubalek und Laib dokumentieren hier nicht einfach militärische Bauwerke, sondern lassen sich von deren  geheimnisvoller, teils bizarrer Ästhetik faszinieren.

Bunker als erratischer Block oder versteckt unter Bäumen.

Bunker als erratischer Block oder versteckt unter Bäumen.

Bild: Andrea Stalder

Kerstin Kubalek, die auch als Illustratorin von Kinderbüchern arbeitet, sagt: «Ich verstehe diese Betonmassen als Skulptur. Dieses Skulpturale will ich sichtbar machen.» Die Bunker wurden jeweils am Morgen fotografiert, während zweier Winter, im Schnee, bei weissem Himmel und nebliger Atmosphäre. Das lädt die Bilder, die auch durch den Einsatz von Drohnen teils völlig überraschende Blickwinkel bieten, bisweilen mit fast mystischer Atmosphäre auf. Für den Festungsgürtel engagiert sich im Moment noch der Verein Festungsgürtel, vor allem aus militärischer Sicht. Dort war man erst einmal verwundert, dass sich eine Frau für die Bunker interessierte. Der Verein hat wie die Stadt Kreuzlingen das Projekt finanziell unterstützt.

Bauwerke nicht auf das rein Militärische reduzieren

Die beiden Kunstschaffenden wollen durch den künstlerischen Blick auf die Bunker und deren Einbettung in die Natur eine breitere Schicht ansprechen. «Diese Bauwerke kann man nicht auf das rein Militärische reduzieren», sagt Christoph Laib. Die Arbeiten wollen auch an die Grenzschliessung 1940 erinnern. «Verzögerungsraum» nannte man damals die Region, die sich gegen Hitler-Deutschland abzuschotten begann. «Die Grenzschliessung wegen Corona hat die Region bis jetzt wieder in einen Verzögerungsraum verwandelt», sagt Kerstin Kubalek.

Die Ausstellung ist fertig, Corona verhindert Start

Die Bunker auf den unbearbeiteten Fotografien werden durch ungewohnte Perspektiven oft zu geheimnisvollen Symbolen und Icons. Von Schnee überzuckert bekommen sie etwas Leichtes, von Moos begrünt, in Baum- und Buschwerk versteckt, scheinen sie wieder zu einem Stück Natur zu werden. Ein fester Plan, wie die Bunker in künstlerische Blicke umzusetzen seien, bestand am Anfang nicht. Fotograf Christoph Laib und Künstlerin Kerstin Kubalek haben sich jeweils spontan zu einer Aufnahmeserie verabredet. Die Bilder sind so auch als Dialog zwischen den beiden zu lesen.

Kreuzlinger Bunkeranlage fotografiert mit einer Drohne.

Kreuzlinger Bunkeranlage fotografiert mit einer Drohne.

Die Schau der beiden Kunstschaffenden steht eigentlich fertig bereit. Auch Schulklassen sollen über die Bunker-Bilder einen speziellen Zugang zur Geschichte des Kreuzlinger Grenzraums erhalten. Corona verhindert im Moment den Start. Eingerichtet ist die Ausstellung im Bunker unter dem Kreuzlinger Schulhaus Seetal, der 1965 als Notspital in Zeiten des Kalten Krieges errichtet wurde und heute als Schutzraum für bewegliches Kulturgut fungiert.

Neben den oft fast magisch wirkenden winterlichen Bunker-Bildern, die einen gerade bei längerem Betrachten in Bann ziehen, werden zur Fotografie-Ausstellung historische Zeugnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs dazukommen. Zu hören sind auch noch lebende Zeitzeugen, die sich an die damalige Situation an der Grenze erinnern.