Der Schriftsteller Klaus Merz wird am 3. Oktober 75 Jahre alt - sein Verlag beschenkt ihn mit einem Sonderdruck

Mit der Neuauflage einer Erzählung, die als früher Höhepunkt seines Schaffens gilt, feiert der Haymon-Verlag Klaus Merz. Es ist ein frühes Geburtstagsgeschenk und eine meisterhafte Erzählung.

Hansruedi Kugler
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Portrait von Schriftsteller Klaus Merz in seinem Zuhause in Unterkulm.

Portrait von Schriftsteller Klaus Merz in seinem Zuhause in Unterkulm.

Sandra Ardizzone

Die Erzählung zeige den Autor auf der Höhe seiner Kunst, hiess es 1994 in etlichen Besprechungen. «Im Schläfengebiet» war die Schlusserzählung im Band «Am Fuss des Kamels», der zugleich den Durchbruch des Autors zum bewunderten Meister der Kurzprosa bedeutete. Dem Band folgte 1997 mit «Jakob schläft» ein noch grösserer Verkaufserfolg. Sein Verlag beschenkt den Autor nun, kurz vor seinem 75. Geburtstag am 3. Oktober, mit einem Sonderdruck jener Erzählung, dem die langjährige NZZ-Literaturkritikerin Beatrice von Matt ein längeres Nachwort als Würdigung seines literarischen Schaffens anfügt.

Auch 26 Jahre später stimmt man dem Urteil zu. Wie Klaus Merz auf 40 Seiten die letzten, einsamen Spaziergänge seines Vaters als dessen Lebensbilanz in Episoden und Erinnerungen schildert, ist klassisch, mustergültig schön. Was ein wenig irreführend sein kann. Von einer Idylle wird hier nämlich keineswegs berichtet. Denn vom Leben erschöpft, von epileptischen Anfällen und Selbstmitleid zermürbt – seine zweite Ehefrau ist deshalb weggelaufen – den Aktivdienst, Kriegstote und den Tod der ersten geliebten Ehefrau nicht bewältigt, sind die Spaziergänge ein melancholischer Abschied vom Leben.

Meisterhafte Erzählung über den epileptischen Vater

Was die Erzählung auszeichnet: Die präzise, dennoch dezent eingesetzte Metaphorik; die Leichtigkeit, mit der tödliche familiäre Schicksalsschläge mit feinsinnig schwarzem, skurrilem Humor und teils erfundenen Episoden skizziert werden; die jederzeit spürbare Liebe zur mentalen Einfältigkeit, Bescheidenheit und stillen Tapferkeit des Vaters; der dank der lakonisch inszenierten Beobachterperspektive zum präzisen Porträt eines Kleinbürger­milieus verdichtete Stoff – frei von Häme oder Klischee. Das alles hob die zuvor ein wenig spröde Prosa von Klaus Merz auf eine neue Ebene einer farbig-lebenssatten Erzählweise.

Klaus Merz strebe «eine liebende Utopie im Umgang mit seinen lädierten Figuren» an, schreibt Beatrice von Matt im Nachwort. Dass darin Platz ist für unterhaltsame, hintersinnige Schreckmomente, macht dessen Literatur auch zur fröhlichen Lektüre. Das sei all jenen gesagt, die solches beim auf allen Porträtfotos strengen Blick des Autors nicht vermuten würden.

Klaus Merz: Im Schläfengebiet. Erzählung. Mit einem Nachwort von Beatrice von Matt, Haymon, 46 Seiten.