Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Ein Freigeist des Schweizer Films

ST.GALLEN. Schlicht «Christian Schocher, Filmemacher» heisst das einnehmende Porträt über den Bündner Regisseur der beiden St. Galler Filmer Marcel Bächtiger und Andreas Mueller. Es hält eine schöne Entdeckung bereit. Und ist Anlass für eine Retrospektive im St. Galler Kinok.
Andreas Stock
Charismatischer Protagonist im Film über ihn selbst: Der Bündner Filmemacher Christian Schocher. (Bild: look now)

Charismatischer Protagonist im Film über ihn selbst: Der Bündner Filmemacher Christian Schocher. (Bild: look now)

Die ungestüme Mähne des 69-Jährigen ist mittlerweile weiss, aber sonst scheint sich Christian Schocher kaum verändert zu haben. Der Dokumentarfilm von Marcel Bächtiger und Andreas Mueller beginnt mit einem frühen Fernsehinterview mit dem jugendlichen Bündner Filmemacher, der sagt, er sei daran interessiert, etwas auszuprobieren. Die Lust am Experiment, die Überzeugung, das Authentizität viel mit Spontanität und Nähe zu den Figuren zu tun hat, prägte die Filme dieses cineastischen Freigeistes des Schweizer Kinos.

Dass der langjährige Kinobetreiber von Pontresina bis heute eine junge Generation von Filmemachern zu interessieren vermag, haben Bächtiger und Mueller erfahren, als sie Schocher zu öffentlichen Gesprächen nach Zürich eingeladen haben. Sie erlebten dabei, dass sich der Filmemacher als begnadeter Erzähler entpuppte. Diese «ungemein anregende Erfahrung», wie sie sagen, wollten sie mit einem Dokumentarfilm einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Fotograf und Autodidakt

Ihr einnehmendes Porträt greift diese lockere Gesprächssituation auf. Die beiden Filmemacher spazieren mit Schocher durch Pontresina, sie besuchen mit ihm das Restaurant Valtellina, das Schocher als «meine zweite Heimat» bezeichnet und in dem die Stammgäste kaum wüssten, dass er Filme mache. Und im lauschigen Waldlokal Chalet Sanssouci erzählt er dann, wie er als gelernter Fotograf und leidenschaftlicher Kinogänger als Autodidakt zum Filmemacher wurde. Nach frühen, kurzen Experimentalfilmen mit dem Bündner Künstler Corsin Fontana folgte 1975 der erste Dokumentarfilm, der dann an den Solothurner Filmtagen gefeiert wurde: «Die Kinder von Furna». Das Porträt über die Schulkinder in einem abgelegenen Prättigauer Dorf und ihren unkonventionellen Lehrer veranschaulicht gut die «Methode Schocher».

Der Freund als zweite Stimme

Und es zeigt sich hier bereits die kluge Weise, in der sich Bächtiger und Mueller ihrem Sujet annähern. Das Regie-Duo kann sich zwar auf seinen charismatischen Protagonisten verlassen, der erhellend, mit einem gewissen Stolz und oft einer Prise Ironie aus der Entstehungsgeschichte seiner Arbeiten erzählt. Ergänzt wird das von ihnen einerseits durch passend ausgewählte Ausschnitte aus den jeweiligen Werken, anderseits durch weitere Beteiligte. Insbesondere der Freund Heinz Lüdi – der Lehrer aus «Die Kinder von Furna» – erweist sich als «zweite Stimme» und ein grosser Gewinn. Lüdi und Schocher haben viel miteinander erlebt, und die tiefe Verbundenheit, die auch einen Bruch zu überstehen wusste, bereichert das Porträt um widersprüchliche Wahrnehmungen, liebevolle und kritische Einschätzungen.

Ein Meilenstein, der genervt hat

Die Liebe fürs Kino und das Filmemachen mit bescheidensten finanziellen Mitteln, aber dafür mit Improvisationskunst und Eigenständigkeit – sie wird aus den Erzählungen von Christian Schocher nicht nur lebendig, die Lust am Ausprobieren und das Bedürfnis zum Filmemachen werden spürbar. Das wird insbesondere in Schochers Meisterwerk deutlich. Zwar erzählt der Bündner, es habe ihn genervt, wie er immer auf «Reisender Krieger» angesprochen wurde.

Aber natürlich nimmt der Meilenstein des Schweizer Filmschaffens einen zentralen Punkt in «Christian Schocher, Filmemacher» ein. Man erfährt dabei, dass Schocher zuerst eine Woche lang eher klassisch gedreht hatte und merkte, dass sein Film so nicht funktionieren würde. So entschied er – und Kameramann Clemens Klopfenstein betont seinerseits die Rolle, die er dabei gespielt hat – freier zu drehen, viel mehr zu improvisieren. Zu den schönsten Entdeckungen von Bächtigers und Muellers Film gehört aber, dass sie den ersten Spielfilm von Christian Schocher in Erinnerung rufen: «Das Blut an den Lippen der Liebenden» (1978) war ein formal ambitionierter Alpen-Western, worin er einigen Vorbildern nacheifert: der visuelle Einfluss von Sergio Leone wie auch von Ingmar Bergman sind der Liebestragödie anzusehen.

Nach den «Kinder von Furna» wurde von ihm kein pathetischer Streifen erwartet, entsprechend ungnädig war die Reaktion darauf an den Solothurner Filmtagen, wo es ein einziges Pfeifkonzert gab. «Ich dachte, ich dreh nie mehr einen Film», sagt Christian Schocher – er habe sich gar überlegt, die Filmrollen in den Rhein zu werfen.

Lange im Keller verschollen

Das hat er zum Glück nicht getan. Denn nun wird eine neue Kopie von «Das Blut an den Lippen der Liebenden» zusammen mit «Lüzzas Walkma», «Reisender Krieger» und «Die Kinder von Furna» Teil einer Retrospektive sein, die mit dem Porträtfilm in den Schweizer Kinos zu sehen sind. Es ist «nach wie vor optisch der schönste Film, den ich gedreht habe», sagt Christian Schocher über seinen lange im Keller verschollenen Spielfilmerstling. Dass er nun eine zweite Chance erhält, hat sich auch dank des Porträts von Marcel Bächtiger und Andreas Mueller ergeben.

Marcel Bächtiger und Andreas Mueller sind heute Fr., 19.15 Uhr, persönlich im Kinok St. Gallen anwesend. Die Retrospektive zu Christian Schocher ist ebenfalls im Kinok zu sehen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.