Ein Film, spannender als ein Leben

Eva Vitija setzt sich in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm mit ihrem Vater und dessen obsessiver Filmerei auseinander. «Das Leben drehen – wie mein Vater versuchte das Glück festzuhalten» ist feinfühlig, anregend und unterhaltsam erzählt.

Andreas Stock
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Ein obsessiver Filmer: Joschy Scheidegger in «Das Leben drehen». (Bild: pd)

Ein obsessiver Filmer: Joschy Scheidegger in «Das Leben drehen». (Bild: pd)

Was für ein Erbe! Allein schon der Umfang ist beängstigend. Nach dem Tod hinterlässt Joschy Scheidegger seiner Tochter Eva ein äusserst umfangreiches Archiv mit Super8- und Videofilmen, Fotografien und zig Bundesordnern mit weiteren Dokumenten der Familiengeschichte. Fast obsessiv hatte ihr Vater alles filmisch festgehalten.

Scheidegger war ein bekannter Radiopionier, Schauspieler und Regisseur – und filmte seine beiden Kinder Eva und Kaspar von klein auf. Mit zunehmendem Alter hatte das die Geschwister genervt. Doch ihr Vater habe einmal zu ihr gesagt: «Ihr werdet mir mal noch dankbar sein dafür.» Eva Vitija schaute sich dann den Zusammenschnitt ihres gefilmten Lebens allerdings lange nicht an, den sie zu ihrem 18. Geburtstag von ihm bekommen hatte.

Stöbern im Familienarchiv

Nach dem Tod des Vaters wurde die Drehbuchautorin («Sommervögel») dann doch neugierig auf all das Material ihres Vaters. Er habe mal zu ihr gesagt, «vielleicht machst Du mal einen Film daraus». «Nie im Leben», habe sie gedacht, erzählt Vitija in ihrem mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm «Das Leben drehen – Wie mein Vater versuchte das Glück festzuhalten».

Es muss ein Kraftakt gewesen sein, über Monate die grosse Menge an Filmen, Fotos und Dokumenten zu sichten. Und Eva Vitija erzählt davon mit einem Augenzwinkern, wie sie darin zunächst einmal das Bild einer harmonischen, prototypischen Schweizer Familie der Siebzigerjahre entdeckte.

Geheimnisse und Tabus

In einer dramaturgisch raffinierten Montage rekonstruiert die Basler Filmemacherin nun, wie sie beim Durchstöbern dieses Archivs unerwartet auf einige Familiengeheimnisse stösst. Hinter den bunten, fröhlichen Familienbildern verstecken sich verheimlichte Geschichten und Tabus, von denen sie und ihr Bruder nichts wussten. So war Joschy Scheidegger schon einmal verheiratet gewesen und hatte aus dieser Beziehung zwei Söhne, von denen einer sich das Leben genommen hatte. Ihr Bruder meint denn auch völlig erstaunt: «Und wir hatten das Gefühl, wir seien in einer heilen Welt aufgewachsen.» Ihre Mutter, die nochmals geheiratet hatte und in den Vereinigten Staaten lebt, hilft bei der Vergangenheitsbewältigung mit, die nun beginnt.

Schmerz und Ironie

Wie in einem Detektivfilm fügt Eva Vitija langsam die Teile in der Biographie ihres Vaters zusammen und beginnt zu verstehen, was die Motive für die obsessive Filmerei ihres Vaters waren. Wie wichtig Frauen in seinem Leben waren und wie ihn sein Hang zum Narzissmus leitete. Liebe, Verlust und Trauer sowie intimen Details begegnet die Dokumentarfilmerin bei allem Schmerz vor allem mit einer gesunden Portion Ironie und ohne jemanden blosszustellen. Aber auch mit einer klugen, reflexiven Ebene. Wobei sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter ideale Gesprächspartner hat, die ihr Nachdenken darüber, was und wie Bilder funktionieren, teilen. Gerade dies hebt die Familiengeschichte über das Private hinaus. «Schafft die Kamera Nähe oder Distanz?», fragt Vitija beispielsweise ihre Mutter – während sie beide genauso zwischen einer Kamera sitzen. Im Falle von Joschy Scheidegger, so argumentieren sie, sollte durch das Filmen – was die Gefilmten einst als Distanzierung wahrnahmen – eigentlich Nähe geschaffen werden.

Mit «Das Leben drehen» schlägt Eva Vitija wie nebenbei den Bogen in eine Gegenwart, in der durch die technischen Möglichkeiten und sozialen Netzwerke das Private so öffentlich geworden ist wie nie zuvor. Und die Inszenierung des eigenen Lebens bereits ständig stattfindet. Darum ist dieser Film viel grösser und spannender als die Familiengeschichte oder die Biographie des Vaters. Dafür gab es den hochdotierten Prix de Soleure an Solothurner Filmtagen und kürzlich den Hauptpreis der Alexis-Victor-Thalberg-Stiftung.

Ab 6.5. im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region werden folgen.

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