Ein Festival in Kinderhand

Am Eröffnungswochenende des Lucerne Festival beeindrucken Riccardo Chailly und Bernard Haitink - und 132 Kinder und Jugendliche aus 26 Ländern mit ihrer Begeisterung. Einige Einblicke zum Festivalstart.

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Das Lucerne Festival fürKinder...: mit der bösen Zauberin von «Das Traumland». (Bild: Patrick Hürlimann)
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Für Erwachsene: Mit Alina Ibragimova und Bernard Haitink. (Bild: Priska Ketterer)
Für Jugendliche: mit den Teilnehmern des ersten Orchestercamps: (Bild: Priska Ketterer)

Das Lucerne Festival fürKinder...: mit der bösen Zauberin von «Das Traumland». (Bild: Patrick Hürlimann)

Ueli Maurers Enkel:

Er habe die Kindheit nicht so anstrengend in Erinnerung, sagt Bundesrat Ueli Maurer, frisch zurück aus den Ferien mit seinen Enkeln – und am Freitagabend angetreten, das diesmal den Kindern gewidmete Lucerne Festival im Sommer mit einer kurzen, launigen Ansprache zu eröffnen. Ein Rollenwechsel hat ihm diese Anstrengung beschert: Heute muss Ueli Maurer all die Fragen beantworten, mit denen er als Kind die Erwachsenen gelöchert hat. Von diesen Kindern aber könnten wir, die Erwachsenen, drei Dinge lernen, meint er: «Erstens das Staunen. Zweitens das Leben im und für den Augenblick. Und drittens das Träumen. Plötzlich spricht die Puppe – und das Legomännchen gibt ihr Antwort.»

Der Bösewicht Kaschtschej:

Dann spricht die Musik. Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra nehmen das Publikum mit auf eine Reise ins ferne Russland, zum gefürchteten Kaschtschej, in dessen Herrschaftsbereich Iwan Zarewitsch einen wunderschönen Vogel verfolgt. In seinem Ballett «Der Feuer­vogel» malt Igor Strawinsky mit enormem Aufwand an orchestralen Mitteln ein grosses Tableau. Chailly zieht alle klanglichen Register, baut achtsam Spannungen auf, evoziert schwebende Stimmungen und verliert auch im Eruptiven nicht die Übersicht. Der Saal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) aber, gerade zwanzig Jahre alt geworden, lässt all die Details geradezu glasklar hören.

Lang Lang trifft Lily Kraus:

Während Strawinsky die fantastische Welt der Märchen erkundet, steigt Wolfgang Amadeus Mozart in seinem Klavierkonzert c-Moll KV 491 hinab in die Tiefen der Seele. Träumerisch, innig und zart folgt ihm Lang Lang, der Solist des Abends, und spielt im ersten Satz eine Kadenz, in der er musikalische Gedanken von Lily Kraus mit seinen eigenen mischt. Es ist eine schmerzliche Erinnerung, die da heraufbeschworen wird. Die 1905 geborene, heute nahezu vergessene Ungarin Lily Kraus musste vor den Nazis fliehen und wurde 1943 während einer Tournee in Djakarta von den Japanern verhaftet und zu schwerster Zwangsarbeit gezwungen. Die Musik existierte nur noch in ihrem Kopf, dort aber besonders intensiv. Vielleicht hat sie Lily Kraus sogar gerettet.

Die verwundeten Kinder

Sie heissen Taib und Zarina, Arinhaa und Nandu, Denise und Denzican. Sie sind unzufrieden mit sich und dem Leben, manchmal wütend, manchmal zornig. Und oft traurig. Sie tragen seelische Wunden mit sich herum, von denen man nichts sieht. Oder körperliche wie Denise, die wegen ihres Tumors eine neue Niere bekommen hat. Oft sind die familiären Verhältnisse nicht die besten. Oder ihre Hautfarbe ist Stein des Anstosses. Aber sie haben die Musik. Sie lernen, mit und in der Musik Gefühle auszudrücken. Sie lernen auch, gemeinsam etwas zu erarbeiten. Der Dokumentarfilm «Kinders» von Arash und Arman Riahi, der zum Festival im Luzerner «Stattkino» läuft, nimmt uns mit in ein von der Organisation Superar in Österreich betriebenes Musikförderprojekt. Wir erleben, wie die schüchterne Zarina plötzlich vor ihrer Klasse singt. Wie Denzican Aufnahme findet bei den Wiener Sängerknaben. Und wir begleiten Taib nach Srebrenica, in die Heimat seines Vaters, wo die Gräber dicht an dicht stehen, und ein Musikcamp versucht, Dunkelheit in Licht zu verwandeln.

Leuchtfeuer statt Leuchtturm:

Dass «Kinders» gerade jetzt gezeigt wird, hat seinen Grund. Das Lucerne Festival hat für sein eigenes Musikförderprojekt 132 Kinder und Jugendliche aus 26 Nationen in einem Orchestercamp versammelt – und will in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass, wie Johannes Fuchs als Leiter der Kinder- und Jugendprogramme sagt, «aus dem Leuchtturm ein Leuchtfeuer wird». Was sie gelernt haben, das zeigen die Kinder und Jugendlichen in einem schwungvollen Konzert am Samstagnachmittag, mit dem Radetzky-Marsch von Johann Strauss zum Mitklatschen.

Der Magier Haitink:

Ob die Besucher des Abendkonzerts sich bewusst sind, dass sich in ihren Reihen wenige Stunden zuvor noch ganze Familien versammelt und kleine Kinder sich ausgetobt haben? Es herrscht eine ganz andere Stimmung. Und doch: Wenn der greise Bernard Haitink vor dem Chamber Orchestra of Europe den Taktstock hebt zu Franz Schuberts grosser C-Dur-Sinfonie und die junge Alina Ibragimova Felix Mendelssohns Violinkonzert e-Moll mit seinen zarten Übergängen aus dem warmen Klang des Orchesters heraus aufsteigen lässt, dann hält auch dieses Publikum den Atem an.

Stimmen, Trommeln, Geräusche:

Ein paar Minuten nur und ein paar Meter, hinüber in den Luzerner Saal, wo der Schlagzeuger Fritz Hauser zwei Chöre und zwei Schlagzeuger-Kollegen versammelt hat, um mit «Chortrommel»gleich acht Uraufführungen aus der Taufe zu heben. Es wird ein Konzert, das die Grenzen zwischen Laut, Gesang und Geräusch auf sehr reizvolle Weise erkundet. Und es bestätigt sich, was Fritz Hauser, «composer-in-residence» dieses Sommers, über sein Verhältnis zum Schlagzeug gesagt hat. Dass es für ihn «nicht nur Rhythmus- sondern auch Klang- und Effektinstrument» sei. «Das ermöglicht ganz andere Dramaturgien.»

Mit Schlagrahm und Pralinés:

Womit lassen sich junge Menschen ins Konzert locken? Zunächst sicher mit jenem Hinweis für das Konzert des Orchestre de la Suisse Romande vom Sonntag: «Nehmen Sie zwei Kinder kostenlos mit.» So sieht man denn Väter und Mütter mit ihren Kindern oder Grosseltern mit ihren Enkeln. Und der Dirigent Jonathan Nott tut mit wilden Blicken und ebensolchen Bewegungen das Seine, um diesen Mittag dramatisch zu gestalten. Nach zartem Beginn mit Claude Debussys «Jeux» und eher mittelprächtiger, weil vom Geiger Renaud Capuçon gar vordergründig gespielter Fortsetzung im Violinkonzert d-Moll von Jean Sibelius erreicht Notts Auftritt mit «Schlagobers» von Richard Strauss seinen absoluten Höhepunkt. Schlagobers, das ist Schlagrahm. Wobei Strauss auch den Likör und die Pralinées tänzerisch auftreten lässt.