Ein explosives Leben

Die Verfilmung von Jonas Jonassons Bestseller «Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» ist zwar übervoll an witzigen Episoden, kommt aber über eine skurrile Nummernrevue nicht hinaus.

Walter Gasperi
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Karlsson (Robert Gustaffson) (Bild: pd)

Karlsson (Robert Gustaffson) (Bild: pd)

Mit dem Roman «Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» gelang dem Schweden Jonas Jonasson 2009 ein völlig überraschender Erfolg. In Deutschland stand das Erstlingswerk 32 Wochen lang auf Platz eins der «Spiegel»-Bestsellerliste, die Übersetzungsrechte wurden bislang in 35 Länder verkauft.

Angesichts dieses Erfolgs war eine Verfilmung nur eine Frage der Zeit, wird dadurch doch einerseits nochmals der Absatz des Buches angekurbelt, andererseits kann auch der Film aufgrund der Popularität der Vorlage auf gute Besucherzahlen hoffen. Bislang ist das Rezept aufgegangen, denn in Schweden hat «Der 100-Jährige» den bisher erfolgreichsten Kinostart hingelegt und in ganz Skandinavien in den ersten zehn Wochen zwei Millionen Zuschauer ins Kino gelockt.

Der Tor und die Weltpolitik

Der schwedische Fernsehregisseur und Comedian Felix Herngren erzählt nach Jonassons Bestseller von Allan Karlsson, der an seinem 100. Geburtstag aus dem Altersheim abhaut, am Bahnhof zufällig zu einem Koffer mit Geld kommt und deshalb bald nicht nur von einem trotteligen Polizisten gesucht, sondern auch von Drogendealern gejagt wird. Eingebettet in das Roadmovie durch Schweden, in dessen Verlauf Karlsson mehrere skurrile Bekanntschaften schliesst, sind Rückblenden in das Leben des seit seiner Kindheit sprengstoffbegeisterten Protagonisten.

Ohne selbst wirklich aktiv zu werden, verschlug der Zufall Karlsson um die ganze Welt und liess ihn zahlreiche Staatsmänner des 20. Jahrhunderts kennenlernen. So rettete er im Spanischen Bürgerkrieg Franco das Leben, gab Robert Oppenheimer den entscheidenden Tip zur Erfindung der Atombombe, trank mit Vizepräsident Harry Truman ebenso Whisky wie mit Stalin Wodka, agierte bald als sowjetisch-amerikanischer Doppelagent und war auch am Fall der Berliner Mauer nicht unbeteiligt.

Kurze Lacher, kein Nachhall

Obwohl Felix Herngren die China- und Indonesien-Abenteuer von Allan Karlsson gestrichen hat, ist dieser Mix aus «Forrest Gump» und «Zelig» übervoll an Episoden. Trefflich besetzt ist die Hauptrolle mit Komiker Robert Gustafsson, auch an schwarzem Humor, aberwitzigen Korrekturen der Zeitgeschichte und skurrilen Typen wie dem alles andere als intelligenten Bruder Albert Einsteins fehlt es nicht – sogar eine Elefantendame mischt mit. Doch unmöglich machen es die Handlungsfülle und der permanente Wechsel zwischen Gegenwart und Rückblenden einzelne Episoden plastischer zu entwickeln und Figuren differenzierter zu zeichnen. Auch wenn sich die Ereignisse auf der Gegenwartsebene gegen Ende zuspitzen, setzt Herngren insgesamt doch mehr auf die Wirkung einzelner Szenen als auf einen konsequenten Handlungsaufbau.

Zwar ergeben sich aus den zahlreichen Gags immer wieder Lacher, doch in der einförmigen Erzählweise ermüdet diese Bestsellerverfilmung. Die Aufforderung, die Dinge auf sich zukommen, statt mit Grübeln das Leben vorüberziehen zu lassen, gewinnt bei dieser skurrilen Nummernrevue keinen Nachdruck.

Ab morgen in den Kinos