Ein explosiver Schnellaufsteiger

Am Lucerne Festival ist zu erleben, wie der Dirigent Andris Nelsons mit Leidenschaft und einer Liebe zu heftigen Kontrasten seine Zeichen setzt. Dennoch wurde es nun ein Abschied für ihn vom Lucerne Festival Orchestra.

Mario Gerteis
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Eigentlich war es eine Art Abschied: Zum letzten Mal musizierten der Dirigent Andris Nelsons und das 2003 von Claudio Abbado gegründete Lucerne Festival Orchestra zusammen im Luzerner KKL. Das mochte überraschen – Nelsons galt nach dem Tode Abbados im Januar 2014 als prädestinierter Nachfolger an der Spitze dieses Ensembles mit exzellenten Solisten und Kammermusikern um den Stamm des Mahler Chamber Orchestra. Es ist anders herausgekommen: Ab nächstem Sommer übernimmt Riccardo Chailly die exklusive Herrschaft über die erlesene Musikerschar.

Schnellaufsteiger

Enttäuschung bei Nelsons? Der Maestro liess sich nichts anmerken und blieb von A bis Z er selber – mit all seinen Leidenschaften, mit all seinen Kraftgebärden und Eigenheiten. Der 37-Jährige ist der prononcierte Schnellaufsteiger in seiner Sparte. Das begann schon früh: als blutjunger Musiker war er Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper Riga und nur kurze Zeit später bereits Chefdirigent. Vor zehn Jahren begann seine rasante internationale Karriere, die ihn bald zu praktisch allen Spitzenorchestern in Europa und den USA brachte. Er wurde Chef in Birmingham (wie einst Simon Rattle) und zeichnet seit 2014 in derselben Funktion beim Boston Symphony Orchestra. Gleichzeitig sprang er für den verstorbenen Claudio Abbado in die Luzerner Bresche. Nebenbei bemerkt: Bei den Berliner Philharmonikern galt er lange als (Co-)Favorit für die Nachfolge Rattles. Doch auch dort wurde er von einem andern (Kirill Petrenko) überholt.

Exzessive Gestik

Wenn man den Dirigenten Andris Nelsons charakterisieren möchte, sind Ohr und Auge gleichermassen betroffen. Denn bei ihm erhält man den Eindruck, die Musik erstehe erst jetzt und genau in diesem Moment. Dazu gehört eine exzessive Gestik, explosiv und beschwörend im Forte, niederkniend im Pianissimo. Das hat Elemente der Show – der Dirigent als Musikdarsteller –, aber es wirkt bei Nelsons nicht einstudiert, sondern als unverstellte Temperamentsäusserung.

Werke mit diskretem Charme liegen ihm weniger. Zu konstatieren in Luzern bei der 94. Sinfonie von Joseph Haydn. Das kammermusikalische Werk droht immer wieder ins Grossdimensionierte auszubrechen. Zwar liefern die Mitglieder des Lucerne Festival Orchestra auch hier Erstklassiges, aber eine Spur zu angestrengt. Welch wundersame Lockerheit hatte Bernard Haitink mit demselben Ensemble wenige Tage zuvor bei einer andern Haydn-Sinfonie erreicht! In Erinnerung bleiben wird wohl der mächtige Höhesprung bei jenem Paukenschlag im zweiten Satz, welcher der Sinfonie den Beinamen verliehen hat.

Unermüdlich feuernd

Seiner Liebe zu heftigen Kontrasten durfte Nelsons dann umso ungehemmter in Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie frönen. Unermüdlich feuerte er im ausladenden Fünfviertelstünder seine Mitstreiter an, mit emporgereckten Armen und ausladenden Gesten. Vielleicht hat er sich von Mahlers Aussage animieren lassen, der zentrale dritte Satz, ein jäh auffahrendes Scherzo, sei ein «Chaos, das ewig aufs Neue eine Welt gebärt». Dennoch, bei aller gelegentlich irritierenden Detailversessenheit, beweist Nelsons Gespür für effektvolle Spannungsverläufe. Gerade das berühmt-berüchtigte Adagietto bot er als feinsinnig ausgehörte Delikatesse ohne jegliche Sentimentalität.

Man kann Andris Nelsons in Luzern noch zweimal hören, dann mit dem Boston Symphony Orchestra auf Europa-Tournée (30./31. August). Wiederum mit einer Haydn-Sinfonie, sonst aber mit mächtigen Brocken: der 10. Sinfonie von Schostakowitsch sowie sinfonischen Dichtungen von Mahlers Gegenspieler Richard Strauss: ein Heldenleben und Don Quixote.

TV: So, 23.8., 23.15 Uhr, SRF 1, Sternstunde Musik

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