Ein etwas zahmer Kampf

Starke Kämpfer, formidable Texte und 450 Leute: Der Dead-or-Alive-Poetry-Slam in der Lokremise blieb am Freitag trotzdem etwas zahm. Auch wenn das Konzept überzeugte, Slampoeten auf tote Dichter prallen zu lassen.

Michael Hasler
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Tote Dichter gegen lebendige Poeten: Falco, dargestellt von Alexandre Pelichet, läuft zur Hochform auf. (Bild: Michel Canonica)

Tote Dichter gegen lebendige Poeten: Falco, dargestellt von Alexandre Pelichet, läuft zur Hochform auf. (Bild: Michel Canonica)

Eine Überraschung war der restlos ausverkaufte Theatersaal in der Lokremise St. Gallen am Freitagabend keine. Denn einerseits hat Poetry Slam in St. Gallen eine gewaltige Homebase und anderseits zieht die Lokremise immer wieder eine Publikumsmischung an, die es so vor ihrer Eröffnung in St. Gallen nicht gab.

Nur eine These? Mitnichten. Auch Poetry-Slam-Mitveranstalter Lukas Hofstetter freute sich am Freitagabend in der Pause zwar über den gewaltigen Aufmarsch, gab aber zu: «Wir haben heute in der Lokremise ein komplett anderes Publikum als etwa bei unseren Slams in der Grabenhalle. Ich bin ja nun wirklich schon ein Weilchen in dieser Szene dabei, aber ich kenne heute abend kaum jemanden.»

Spannende Übungsanlage

In der Äusserung des Veranstalters schwingt durchaus keine Wertung mit, sondern vielmehr Erstaunen darüber, welche Personen die Lokremise immer wieder zu mobilisieren vermag. Der reizvollen Übungsanlage vom Freitag, aktuelle Slampoeten auf tote Dichter prallen zu lassen, tat auch das «weniger geübte» Publikum keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Darsteller des Theaters St. Gallen hatten ihrerseits eine fiebrige Entourage mitgebracht, die Else Lasker-Schüler (Hanna Binder), Johann Wolfgang von Goethe (Dominik Kaschke), Heinrich von Kleist (Romeo Meyer) und Falco (Alexandre Pelichet) durch den Abend trugen. Dieser brachte das Erwartete: Aufgeladene Textsalven der Slampoeten und präzise ausgearbeitete Zitate des Theaterensembles stiessen genüsslich aufeinander.

Brav wie im Theater

Das Niveau ist ansprechend, obwohl die Mitveranstalterin Slamgallen auf ihre etablierten Poeten verzichtet und stattdessen mit Björn Dunne (München), Phibi Reichling (Zürich), David Friedrich (Hamburg) und Laurin Buser (Basel) ihre jüngere Mannschaft in die Schlacht schickt. Jene verläuft lange ausgeglichen, ehe Alexandre Pelichet als Falco und Laurin Buser allen anderen Wortgiganten weit enteilen.

Spätestens hier hätte die Halle eigentlich kopfstehen müssen. Doch der Slam bleibt temperiert. Nur einige Zwischenrufe im letzten Fünftel des Abends lockern die mehr an Theater als an eine Wort-Battle erinnernde Stimmung etwas auf. Am Ende gewinnen erwartungsgemäss die Slampoeten und stellen mit Laurin Buser dann gleich auch noch den Champion des Abends. Sieger sind an diesem Abend aber wie immer alle. Nur die Lokremise nicht wirklich – irgendwie.

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