Ein ergreifender Abschied

Das Sinfonieorchester St. Gallen schaute mit Strawinsky und Mahler musikalisch nach Fernost. Höhepunkt des Tonhallekonzerts vom Donnerstag war die stimmliche Präsenz der beiden Gesangssolisten.

Martin Preisser
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ST. GALLEN. Stilistisch unterschiedlicher hätten die beiden Werke nicht ausfallen können, obwohl fast zeitgleich in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg uraufgeführt: Gustav Mahlers «Lied von der Erde» und Igor Strawinskys «Le Chant du Rossignol» widmen sich dennoch beide der Umsetzung chinesischer Stoffe. Strawinsky mit einer Märchenvertonung nach Hans Christian Andersen, Mahler mit Gedichten nach Hans Bethges «Chinesischer Flöte». Und beiden Komponisten geht es, wenn auch mit ganz verschiedener Emotionalität, um die Gestaltung einer reichen Klangpalette. Hier punktete Otto Tausk am Donnerstag mit seinem Sinfonieorchester auf ganzer Länge: Das Präzise, das Holzschnittartige, die Durchsichtigkeit vielfältiger Farb- und Rhythmenmuster stand erfolgreich im Vordergrund.

Ohne allzu saftige Gefühle

Beide Kompositionen sind Werke, mit denen ein Orchester technisch enorme Erfahrungen sammeln kann. Das Sinfonieorchester zeigte eine überzeugende Umsetzung. Tausk setzte bewusst auf Klarheit und Sicherheit der musikalischen Effekte und liess sich bei Strawinsky weniger auf allzu Märchenhaftes, bei Mahler weniger auf allzu satte, spätromantische Emotion ein. Strawinsky und Mahler also eher objektivierend, als mit allzu saftigen Gefühlen dargestellt.

Mit kontrolliertem Taumel

Das Publikum ging bei diesem anspruchsvollen Tonhallekonzert konzentriert mit und wurde in Mahlers «Lied von der Erde» mit der packenden Stimmkraft von Maria Riccarda Wesseling (Mezzosopran) und Marcel Reijans verwöhnt. Der Männerstimme ist bei Mahler eigentlich das Trunkene zugeteilt. Marcel Reijans hatte die Kraft, sich voll aus dem kräftigen Orchesterklang herauszusingen. Eindringlich, direkt und kompromisslos sang er quasi in kontrolliertem Taumel das Trunkene auch als Metapher von Weltschmerz und Vergessen.

Bei der Frauenstimme verfährt Mahler anders. Hier muss das Orchester den feinsinnigen Teppich liefern, auf dem sich die Stimme ausbreitet. Maria Riccarda Wesseling tat das intim, schlank in den Höhen, warm und rund in der schön austarierten Tiefe ihres Mezzosoprans. Spielerisch, auch ein wenig traumverloren gestaltete die gebürtige Bündnerin, heute auf wichtigen Bühnen daheim, das tänzerisch Leichte im Lied «Von der Schönheit». Und in «Der Abschied», auf den die Komposition hinausläuft, konnte Wesseling die Intimität, aber auch den Schmerz des Ausdrucks nochmals beeindruckend steigern. Ein «Lied von der Erde», das die Zuhörer begeistert zurückliess.

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