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Ein Einzelgänger mit Gemeinsinn

Zwei Tage lang diskutiert die Kulturlandsgemeinde Appenzell Ausserrhoden, was die Gesellschaft zusammenhält. Mit dabei der international erfolgreiche Choreograf Martin Schläpfer. Ein Gespräch über Rückzug, Sinnhaftigkeit von Tanz und Buhrufe.
Bettina Kugler
Martin Schläpfer: vom Solisten auf der Bühne zum erfolgreichen Chef im Hintergrund. (Bild: Michel Canonica (Teufen, 5. Mai 2019))

Martin Schläpfer: vom Solisten auf der Bühne zum erfolgreichen Chef im Hintergrund. (Bild: Michel Canonica (Teufen, 5. Mai 2019))

«Wer sind wir, und wenn ja, wie viele?» Diese Frage beantwortet das Sendschreiben der diesjährigen Kulturlandsgemeinde in Teufen gleich zu Beginn, klar und knapp: «Wir sind viele!» Viele, die leidenschaftlich und kreativ nachdenken über den Sinn gemeinsamen Handelns, über die Chancen und Risiken gemeinsinnigen Wohnens, Arbeitens, Kulturförderns. Menschen aus verschiedenen Bereichen, unterschiedlich alt, von hier und da, denn: Vielfalt bereichert.

Nicht dass es den Satz, die explizite Selbstvergewisserung unbedingt brauchen würde. Ein Blick ins Zeughaus genügt: Da blieb kein Sitzplatz frei, und zum Auftakt des Sendschreibens blies die Harmoniemusik Teufen dem Egoismus unmissverständlich den Marsch. Was die Sendschrift ausserdem festhält: Gemeinsinn braucht Eigensinn. Widersprüche kann man aushalten. Viele wissen mehr als einzelne. Und: «Der Mensch ist kein Solist.»

Er wollte sich zurückziehen, dann rief Wien an

Das sieht auch Martin Schläpfer so, international erfolgreicher Tänzer, Choreograf, Ballettdirektor, derzeit in Düsseldorf an der Deutschen Oper am Rhein. Als «halber Appenzeller», als zugleich intellektueller und geerdeter Künstler, der viel zu sagen hat zum Wechselspiel von Eigen- und Gemeinsinn im Tanz, war er Gast des Sonntagsgesprächs mit Margrit Bürer. Der Pas de deux ist für ihn Sinnbild dieses Spiels: ein Zwiegespräch, in dem die Körper der Tänzer «ineinander hineinhorchen und dabei zu sich selbst kommen».

Inzwischen ist er nicht mehr der Solist auf der Bühne, sondern der Chef im Hintergrund. Er muss Spielpläne gestalten, eine Kompanie leiten und ihr den Weg durchs Repertoire vorzeichnen, muss Rollen besetzen und Stücke im Austausch mit anderen erarbeiten – den Tänzern, der Dramaturgin, Musikern wie der Komponistin Adriana Hölszky. «Dabei bin ich eher ein Einzelgänger», gibt er zu. Sein Naturell verlange nach Rückzugsräumen zum Denken und zum Ausgleich. Damit die Kreativität im Fluss bleibe.

Der «Einzelgänger» Martin Schläpfer hat schon daran gedacht, sich endgültig zurückzuziehen. Der Stall im Vallemaggia, den er dafür gekauft hat, wird auf den Umbau jedoch noch eine Weile warten müssen. Denn vorher macht Schläpfer seinen nächsten Karriereschritt und wird Ballettdirektor an der Wiener Staatsoper. Ein riesiger Apparat mit 200 Leuten wird dort auf ihn warten. «Es braucht für meine Arbeit den Glauben, dass der Mensch etwas Wunderbares ist und sein könnte», sagt er.

«Macht. Gemein. Sinn»: Was heisst dieses Motto der Kulturlandsgemeinde für ihn, den feinfühligen, für die Impulse und Empfindungen anderer so empfänglichen Choreografen und Ballettdirektor im künstlerischen Alltag? «Die Menschen lieben und das, was man tut.» Und trotzdem die nötige Distanz zu wahren, «nicht zu stark im Spinnennetz mit drinzuhängen». Dass auch der Tanz als Kunst sinnstiftend und «gemeinnützig» sein kann, hat er erst mit den Jahren begriffen. «Wir geben damit etwas für die Gemeinschaft.»

Mit Buhrufen nach sperrigen Stücken kann er leben

Verstanden wird er dabei nicht immer – und will es auch gar nicht. Mit Buhrufen nach sperrigen, spröden Stücken kann er leben. «Doch der Auslastungsdruck ist heute gross am Theater. Oft ist der Saal auch nur halb voll. Die Leute wollen agilen Tanz, eine Handlung, die sie verstehen können. Der Wille, eine ‹Reise› zu machen, sich auf etwas einzulassen, das einfach energetisch auf die Sinne wirkt, lässt nach.»

Umso lieber kommt er gelegentlich zurück ins Appenzellerland, wo die Menschen freundlich miteinander umgehen, wo er eine Balance findet aus Natur und Urbanität. Wo man Wärme spüre, in Individualität etwas gemeinsam erleben könne. Wie zum Beispiel die Kulturlandsgemeinde gegen den blossen Eigennutz und für Gemeinwohl.

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