Ehemaliger irakischer Flüchtling Usama al-Shahmani legt berührenden Roman vor

Als Flüchtling kam Usama al-Shahmani einst vom Irak in die Schweiz. Ein regimekritisches Theaterstück wurde ihm zum Verhängnis. Heute schreibt der Autor sensationelle Romane – auf Deutsch. Sein neustes Werk «Im Fallen lernt die Feder fliegen» handelt von einer Irakerin, die im Spannungsfeld zwischen Heimat und Exil nicht zur Ruhe kommt.

Dieter Langhart
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Bringt westliche und östliche Erzählweise in seinen Romanen auf befruchtende Art und Weise zusammen: Usama al-Shahmani.

Bringt westliche und östliche Erzählweise in seinen Romanen auf befruchtende Art und Weise zusammen: Usama al-Shahmani.

Bild: Ayse Yavas

«Ich erinnere mich, dass mir Schreiben schon einmal geholfen hat.» Das notiert Aida zu Beginn ihrer Geschichte, nachdem Daniel ihr aus dem Zug zugewinkt hat. Sie ist traurig, weil er vieles über sie nicht verstehen kann. Ganz am Schluss schreibt sie: «Ich gehe zur Arbeit, und in der Zwischenzeit kommt Daniel zurück.» Doch ganz so sicher wirkt Aida nicht, ob ihre Liebe halten wird, die manchmal ungleiche Liebe zwischen dem Schweizer Ethnologiestudenten und der jungen Flüchtlingsfrau aus dem Irak: «Ich rede nicht gern über meine Familie oder meine Herkunft», sagt sie dem Neugierigen ganz früh. Usama al-Shahmani lässt in seinem zweiten Roman «Im Fallen lernt die Feder fliegen» eine Frau sprechen, die sich zwischen der Liebe zu ihrer Familie und ihrem eigenen Leben entscheiden muss.

Al-Shahmani weiss, wovon er schreibt: Er ist selbst aus dem Irak in die Schweiz geflohen, kennt die amtlichen Prozedere und die seelischen Nöte. Und er schreibt Aidas Geschichte in einer zarten Sprache nieder, Spiegel seiner an Poesie und Bildern reichen Muttersprache. Die Sprache nimmt dem Roman vieles von der Härte der Geschehnisse und macht ihn zu einem weiteren Plädoyer für die gegenseitige Befruchtung der arabischen und der westlichen Welten und Erzählweisen.

Flucht aus dem Chaos nach Saddams Herrschaft

Die Eltern waren mit ihrer Tochter Nosche aus dem Chaos nach Saddams Herrschaft geflohen und in einem Lager im iranischen Ghom gelandet, ohne Perspektiven. Da kommt Aida 1992 zur Welt, von da aus flüchtet der Vater weiter in die Schweiz, landet im Flüchtlingsheim Frauenfeld, holt seine Familie nach. Doch er kann und mag sich nicht integrieren, bekommt keine rechte Arbeit, sträubt sich gegen die Sprache, eine Zeitverschwendung für ihn, erst recht für Mutter. «Gesund sein in der Fremde ist nicht möglich, denn der wahre Ort der Schmerzen ist immer die Seele», sagt der Vater. Die Kinder müssen die Hilflosigkeit der Eltern auffangen, lernen Deutsch in der Schule, machen eine Ausbildung, nähern sich der neuen Heimat an. Und mitten in ihren Integrationsbemühungen, in ihr erblühendes Leben kündigt Vater «eine schöne Reise an»: Noch vor den Sommerferien 2007 kehrt die Familie zurück. Zurück in den Irak, zurück in ihr Dorf am Euphrat. Die Kinder fallen in eine Schockstarre.

Gemeinsame Flucht aus dem Irak

Usama al-Shahmani erzählt die Geschichte in neun Kapiteln nicht chronologisch, sondern springt hin und her und macht die Verwerfungen und die einander widersprechenden Gefühlswelten in der Familie umso sichtbarer. Für Nosche und Aida bricht eine Welt zusammen, die Neue ist ihnen fremd, sie finden sich nicht zurecht. Auch wenn Aida in Amina eine Freundin findet, hatte Vater die Schwestern angelogen: «Alles hatte eine männliche Farbe, eine männliche Stimme und einen männlichen Geschmack.» Selbst die Mutter ist ihnen keine Vertraute mehr. Nosche, bald zwanzig, droht die Verheiratung durch die Eltern. 2002, als Aida zehn ist, schmieden die Schwestern einen mutigen Plan, denn Nosche wird die Pläne ihrer Eltern nie akzeptieren. «Von Amina hatte ich gelernt, der Hoffnung viel Raum zu geben«, sagt Aida einmal. Ihnen hilft Beyan, ein Freund des Vaters, der 1980 vor dem Krieg in die Schweiz flüchtete.

Aida und Nosche fliehen. Fliehen zurück in die Schweiz, dabei hatte Aida gedacht, «die Beziehung zu den Eltern sei etwas Unzerstörbares». Beim Zwischenhalt in Kairo treffen die Schwestern auf Hasiba und Sabri, Beyans Tante und Onkel, die vom Gefängnis in Irak erzählen, von ihrer eigenen Flucht und ihrer Hilfe bei Beyans Flucht. Über Istanbul, Wien und das Kreuzlinger Empfangszentrum kommen sie schliesslich in Frauenfeld an.

Eine Geschichte über die Liebe zum eigenen Leben

Unter falschem Namen ist Aida erneut Asylsuchende. «Meine Zeit ist ein Durcheinander, manchmal ist sie in die falsche Richtung gedreht worden.» Jetzt nimmt die Geschichte Tempo auf: Aidas Gesuch wird abgelehnt, Nosche will untertauchen, verunfallt mit dem Velo, stirbt im Spital, ihr Vater besteht auf einer Rückführung. «Ich weinte, als Beyan mir erzählte, mein Vater habe am Telefon nach mir gefragt, ob ich zurückkehren möchte.» Aida wollte ihre Eltern umarmen, doch die Rückkehr «wäre ein Verrat an meiner Schwester gewesen». Über die Trauer kann sie nicht schreiben, sie trauert sprachlos. Nosches «Traum von der Freiheit bleibt in mir lebendig wie eine offene Wunde am Himmel, von der aus Licht in meine Seele dringt». Usama al-Shahmani hatte Nosches Tod unscheinbar bereits am Anfang des Romans angetönt. Dieses Buch ist keine Geschichte aus «Tausendundeiner Nacht», es ist eine Geschichte der Liebe zum eigenen Leben, wo immer es auch gelebt werden kann oder muss.

Usama al-Shamani. Im Fallen lernt die Feder fliegen. Roman, 240 Seiten, Limmat Verlag.

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Dieter Langhart