Literatur

Ein Drache als Glücksbringer: Der Roman «Siebenmeilenstiefel»

«Siebenmeilenstiefel», der Roman-Erstling des Liechtensteiners Simon Deckert, zeugt von einer vielversprechenden Meisterschaft

Charles Linsmayer
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Die Schuppe des Drachen wird zum Gitarrenplektron.

Die Schuppe des Drachen wird zum Gitarrenplektron.

Bild: Shutterstock

Wenn sie das Wort Tal hört, ist es, als ob «all ihre Gedanken in eine lange, schmale Schwärze gezogen würden». Das Tal liegt irgendwo im Vorarlbergischen; Andrea ist 22, steht vor der Berufsmatur, aber von den Möglichkeiten, die sie bietet, graut ihr. Den suizidgefährdeten Bruder Michl im Schlepptau, lässt sie das triste Zuhause bei Onkel Bruno und Tante Astrid hinter sich und flieht nach Basel zu Tante Ilma.

Michl will Rockstar werden, Andrea sucht nach der Mutter. Bis Michl resigniert und sich in Bern von der Kornhausbrücke stürzen will. Der Student Bastian Fink rettet ihn und bringt ihn nach Basel zurück, wo er Rocksongs mit ihm probt und Andrea einen Job im Bistro seiner Eltern vermittelt.

Andrea, die Hauptfigur von Simon Deckerts Erstling «Siebenmeilenstiefel», belebt die frustrierende Realität mit einer Traumwelt, in der ein Drache, der zugleich eine Fee ist, sie mit Siebenmeilenstiefeln ausrüstet. Der Drache hat eine Schuppe verloren. Das gefundene Metallstück, das Michl als Plektrum für die Gitarre nutzt, ist für Andrea jene Schuppe, die der Drache zurückholen wird. Realität und Traum vermischen sich, was angesichts der Familiengeschichte, der Andrea allmählich auf die Spur kommt, Trost bringt. So war Brunos Frau Astrid einst die Geliebte ihres Vaters Bernhard, der nach einer Explosion erblindete und nun als Alkoholiker in einem Heim lebt. Elisabeth, ihre Mutter, hat Bernhard früh verlassen und ist unauffindbar, Ilma, die dritte der Schwestern, duldet Michl und Andrea in Basel nur auf Zusehen hin.

Zärtliche erste Liebe

Vom Trauma ihrer Herkunft wird Andrea schliesslich von Bastian Fink befreit, mit dem sie in sinnlich intensiven Szenen auf zunächst hilflose, dann aber beglückende Weise die Liebe kennen lernt. Sodass dem Chaotischen ihrer Herkunft am Schluss der Traum von einem spielerischen Labyrinth gegenübersteht, in dem sie Bastian auf eine selbstbewusste Weise begegnet, das aber auch für Michl, der eine Ausbildung als Psychiatriepfleger beginnt, Raum lässt.

Der Text entwickelt sich von einer mehrstimmigen, assoziativen Komposition immer mehr zu einer linearen Erzählweise. Das Märchenhafte aber ist konsequent durchgehalten und vermittelt dem Ganzen etwas Luftig-Poetisches. Was durch Figuren wie den mysteriösen «Mann mit dem Afro», der die Flucht der Geschwister symbolisch vorwegnimmt, oder den Psychofreak Sagmeister, der wie ein geheimer Regisseur des Ganzen erscheint, noch verstärkt wird.

Da und dort wäre eine Kürzung von Vorteil gewesen, aber nicht nur in der Erfindung des Ganzen, auch im Detail finden sich immer wieder Anzeichen einer vielversprechenden Meisterschaft. Etwa da, wo der «Mann mit dem Afro» den blinden Bernhard einfallsreich durch das Dorf führt, oder in jenem Traum, in dem Andrea anstelle ihres Bruders den Todessprung von der Kornhausbrücke ausführt.

Simon Deckert: Siebenmeilenstiefel. Roman. Rotpunktverlag, 320 S.