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Ein Dorf wird Kunst: Ausstellung auf 19 Fassaden

«Alles Fassade» heisst die Ausstellung der Kunsthallen Toggenburg. Das idyllische Dörfchen Krinau wird dabei zur Projektionsfläche und zum Potemkinschen Dorf. 19 Kunstwerke lassen sich spazierend entdecken.
Michael Hug
Das Künstlerduo Müller Tauscher setzt das Kunstwerk «Kraftort» auf die Trafostation. (Bild: Michael Hug (Krinau, 8.9.2018))

Das Künstlerduo Müller Tauscher setzt das Kunstwerk «Kraftort» auf die Trafostation. (Bild: Michael Hug (Krinau, 8.9.2018))

«Vorgehängte Fassade» ist ein Begriff aus der Fachwelt des Holzbaus. Dort schützt die Fassade die Substanz des Baus. Die Fassade verhüllt, schützt vor Wetterunbill, vor dem Zahn der Zeit. Eine Fassade kann man ersetzen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist.

Im malerischen Dörfchen Krinau im mittleren Toggenburg locken seit Samstag 19 zusätzliche Fassaden zum Erkunden. Sie wurden nicht von Zimmerleuten erstellt, sondern von 21 Künstlerinnen und Künstlern.

Ein Rettungsring am Kirchturm

Hinter der Ausstellung stehen die Kunsthallen Toggenburg. Ihrer 12. Ausstellung gaben sie das Thema «Alles Fassade» samt Unterthema «Bezug zum Dorf». Die 21 Kunstschaffenden widmeten sich auf unterschiedliche Weise dem Auftrag. Der Fotograf Ralph Brühwiler hüllte die Eternitfassade des Schulhauses in Ansichtskarten mit Holzschindelmotiv. Die Fassade bekam damit den Look, den sie in einem Dorf wie diesem haben müsste: Natürlichkeit und Wärme statt kalten Wetterschutzes.

Ralf Brühwiler versieht die Krinauer Schulhausfassade mit Holzschindelmotiven. (Bild: Michael Hug)

Ralf Brühwiler versieht die Krinauer Schulhausfassade mit Holzschindelmotiven. (Bild: Michael Hug)

«Der Eumel von Krinau» (Objekt No. 6) stünde schon seit je am Westrand des Dorfs, hat Manuela Langer festgestellt: «Unbeachtet, unscheinbar, nun putze er sich heraus, möble sich auf. Endlich wird er gesehen, Krin­au entdeckt seinen Eumel.» Der alte, rostige Kran hat die Zeit überlebt, obwohl er schon längst nicht mehr in Betrieb ist. Gerüchten zufolge habe sich daran einst ein junger Mann erhängt.

Hinter jedem Kunstwerk steht eine Geschichte, die es zu entdecken gilt. Was soll der Rettungsring am Kirchturm? «Zeitlos» betitelt Hans Thomann seine Idee. Er hat die Uhr angehalten und die Zeiger auf 20:18 Uhr gestellt. Das Jahr 2018. Der Rettungsring wird gebraucht, wenn es Fünf vor Zwölf ist. Die Glocken schlagen nur einmal am Tag, um 17:35 Uhr. 1735 ist das Geburtsjahr von Ulrich Bräker. Der wiederum ist nicht in Krinau geboren, aber hier zur Schule gegangen. Für ein paar Monate, dann wurde es ihm zu eng im Schulzimmer. Fortan bildete er sich selber weiter und hütete Ziegen auf Krinaus abgelegenen Wiesen.

Auch Ferienhäuser sind Teil der Ausstellung

«Allez retour», hin und zurück, möchte Eliane Zgraggen gehen. Auch sie nimmt Bezug auf das Dorf und hängt ein weisses Tuch an das Seil des Skilifts. Das Tuch soll auf die Schliessung der Krinauer Weberei nach 150 Jahren hinweisen. Die leerstehenden Gebäude der Weberei am Dorfeingang, sie sind nur noch Fassade der industriellen Blüte, als fast jeder Dorfbewohner in der Weberei arbeitete und darum auch hier wohnte.

Durch die Spiegel wird die Fassade zum Abbild der Landschaft oder des Himmels, zeigt Künstlerin Sonja Rüegg aus Ebnat-Kappel. (Bild: Michael Hug)

Durch die Spiegel wird die Fassade zum Abbild der Landschaft oder des Himmels, zeigt Künstlerin Sonja Rüegg aus Ebnat-Kappel. (Bild: Michael Hug)

Heute ist ein Teil von Krinaus Wohnhäusern zu Ferienhäusern geworden. Auch sie sind eine Fassade: Sie machen vor, etwas anderes zu sein. Immerhin haben einige der Hausbesitzer ihr Haus für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Das ist ziemlich erstaunlich in einem von Tradition und Langsamgang geprägten Dorf.

Doch vielleicht ist das gar nicht so? Ist das Klischee auch nur eine Fassade? Ist Krinau eventuell viel moderner, als man gemeinhin meint? Die Ausstellung wirft Fragen auf. Das soll so sein. «Auch wenn man bei einigen Kunstwerken nicht gleich sieht, was sie mit dem gegebenen Thema zu tun haben, wird man es nach Diskussionen herausfinden», sagt Leo Morger, Präsident des Vereins Kunsthallen Toggenburg.

«Das soll ja Kunst: Zum Nachdenken anregen und zum Diskutieren darüber. Fragt doch die Künstler, was sie sich dabei gedacht haben!»

Laudatorin Katrin Meier, Leiterin des kantonalen Amts für Kultur, sagte an der Vernissage am Samstagnachmittag: «Mit ‹Alles Fassade› erscheint kulturelles Erbe in einem anderen Licht. Die Ausstellung gibt eine neue Perspektive.»

Die Faust wird hier nicht im Sack gemacht, sondern auf der Trafostation («Kraftort» von Müller Tauscher). Die Faust hält ein kleines Windrädli – ein kräftiger Beitrag zur momentanen Diskussion im Dorf, ob auf dem Hügel hinter ihm ein Windkraftwerk gebaut werden soll.

«Alles Fassade» bis 23. September 2018 in Krinau, Rahmenprogramm:kunsthallen-toggenburg.ch

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