Kino
Ein Blick hinter den arabischen Vorhang

Die legendäre ägyptische Sängerin Oum Kulthum sprengte einst kulturelle Grenzen. Wie, zeigt ein neuer Film.

Dario Pollice
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Mit «Looking for Oum Kulthum» gelingt Shirin Neshat ein persönliches und poetisches Bild der ägyptischen Ikone.

Mit «Looking for Oum Kulthum» gelingt Shirin Neshat ein persönliches und poetisches Bild der ägyptischen Ikone.

Cineworx

Haben Sie schon mal von Oum Kulthum gehört? Nein? Keine Angst, Sie dürften nicht die Einzigen sein – zumindest in unseren Breitengraden. Stellte man in der arabischsprachigen Welt dieselbe Frage, wäre es, als fragte man bei uns, ob man die Beatles kenne. Die Sängerin Oum Kulthum war bereits zu Lebzeiten (1900– 1975) eine Legende, und das nicht nur in ihrem Heimatland Ägypten.

43 Jahre nach ihrem Tod wird der «Stern des Orients» auch heute noch von Marrakesch bis Teheran kultisch verehrt. «Sie ist das Einzige, worüber sich die Menschen in diesem Teil der Welt nicht streiten», sagt Shirin Neshat. Die iranische Künstlerin und Regisseurin hat sich die letzten sieben Jahre mit dem Leben von Oum Kulthum (sprich: «Umm Kalsum») auseinandergesetzt. Die Frucht dieser langjährigen Arbeit ist der biografische Spielfilm «Looking for Oum Kulthum», der morgen in den Kinos startet.

«Oum Kulthums Beliebtheit ragt über Nation und Religion hinaus.» Shirin Neshat, iranische Filmregisseurin

«Oum Kulthums Beliebtheit ragt über Nation und Religion hinaus.» Shirin Neshat, iranische Filmregisseurin

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Shirin Neshat sitzt oberhalb des Restaurants Karl der Grosse in der Zürcher Altstadt. Der grosse, barocke Raum scheint die zierliche Frau zu verschlucken, aber sobald sie mit feiner Stimme anfängt zu reden, nimmt Neshats Leidenschaft den ganzen Raum ein: «Ich bin fasziniert von Schriftstellerinnen und Sängerinnen, inspirierenden Künstlerinnen allgemein. Indem ich mich mit ihnen befasse, versuche ich, vielleicht unbewusst, Antworten für mich selbst als Künstlerin zu finden.»

Ein arabischer Mythos

Neshat ist gebürtige Iranerin und seit den 1970er-Jahren in den USA wohnhaft, wo sie Kunst studierte. Nach Iran kehrte sie erst 1990 wieder zurück, um ihre Familie zu besuchen. Angeregt durch diesen Besuch und den radikalen gesellschaftlichen Umwälzungen seit der Islamischen Revolution, schuf Neshat die Fotoserie «Women of Allah» (1993–1997) und schaffte den Durchbruch in die internationale Kunstszene. 2009 wurde sie mit ihrem Spielfilmdebüt «Women Without Men» am Filmfestival von Venedig gleich mit dem Regiepreis ausgezeichnet.

Dass Neshat eine Filmbiografie über Kulthum dreht, ist für die Iranerin nicht unproblematisch. Die Beziehungen zwischen dem Iran und der arabischen Welt sind im besten Fall prekär. Seit der Islamischen Revolution 1979 kämpfen Iran und – stellvertretend für die arabischen Länder – Saudi-Arabien um die politische und kulturelle Vorherrschaft der muslimischen Welt. Zudem ist Oum Kulthum in Ägypten ein Mythos und eng mit der nationalen Identität verknüpft. Als sie 1975 starb, gingen vier Millionen Trauernde auf die Strassen Kairos.

Die Gefahr, dass Neshat in ein Wespennest sticht, ist also nicht von der Hand zu weisen. Was trieb die Künstlerin aus dem mehrheitlich schiitischen Iran trotzdem an, einen Film über die grösste arabische Künstlerin aller Zeiten zu drehen? «Kulthums Musik ist der klassischen Persischen Musik sehr ähnlich. Darum ist sie auch im Iran sehr beliebt», so die Regisseurin.

Sie erinnert sich, wie ihre eigenen Eltern ebenfalls Kulthum hörten und die Busfahrer in Iran tagtäglich ihre Musik über das Radio laufen liessen. «An Oum Kulthum interessierte mich aber nicht nur ihre Musik, sondern auch wofür sie symbolisch stand. Ihre Beliebtheit ragte über die Grenzen der sozialen Schichten, Nationalitäten und Religionen hinweg.» 2015 weihte der Bürgermeister in Jerusalem eine Strasse mit ihrem Namen ein.

Die Regisseurin begann ihr Filmprojekt mit ausführlichen Recherchen, sammelte Fotos und Literatur über Kulthum und traf sich sogar mit deren Adoptivsohn. Neshat wollte den Vorhang lichten, um den Menschen hinter der Ikone ins Rampenlicht zu rücken. Aber irgendwie kam sie nicht vorwärts, egal wie viel sie recherchierte. «Je länger ich mich mit Kulthum befasste, umso weniger wusste ich über sie», sagt Neshat. Jeder Ägypter und jede Ägypterin schien ein eigenes Bild von Oum Kulthum zu haben. Nach drei Jahren Arbeit schrieb sie das Drehbuch um und fand eine ebenso einfache, wie geniale Lösung für ihr Problem: Sie machte es zu ihrem Filmstoff.

Frauen in einer Männerwelt

«Looking for Oum Kulthum» handelt so von einer iranischen Regisseurin namens Mitra (Neda Rahmanian), die einen Film über ihr Idol, Oum Kulthum (Yasmin Raeis), dreht. Neshat verwebt somit die Biografie der ägyptischen Sängerin mit ihren persönlichen Erfahrungen als Frau und Iranerin. «Ich suchte nach Parallelen und Unterschieden zwischen mir und Kulthum.» Was auf dem Papier kompliziert klingt, gestaltet sich auf der Leinwand einfach. Szenen, die den Aufstieg der Ägyptischen Sängerin in einer konservativen Gesellschaft nachzeichnen, wechseln sich ab mit Ereignissen rund um Mitras Dreharbeiten.

Stellvertretend für Neshat kämpft die moderne und säkulare Mitra am Set mit verschiedenen Widerständen gegen sich als Frau und Nicht-Araberin. Ein ägyptischer Schauspieler wirft ihr zum Beispiel vor, sie verhunze das Bild einer Nationalheldin und verstehe gar nicht Kulthms Bedeutung. Als Mitra das Drehbuch umschreiben will, fallen ihr die (männlichen) europäischen Geldgeber in den Rücken. Auch Neshat musste gegen Widerstände kämpfen. Sie ist sich nicht sicher, ob sie alle überwunden hat: «Sagen wir es so: Ich habe versucht, eine Filmbiografie über Oum Kulthum zu drehen, und bin gescheitert. Machen Sie es mir nicht nach!», sagt sie und lacht herzlich.

Erstens, könnten wir das nicht; zweitens, ist Neshat keineswegs gescheitert. Sie zeigt auf, dass Ikonen Konstrukte sind und aus vielen, zum Teil gegensätzlichen, Einzelteilen bestehen. Gleichzeitig verliert Neshat die Bedeutung des künstlerischen Werks nicht aus den Augen. Durch poetische Bilder überträgt sich die Magie von Kulthums Musik auch auf die Zuschauer.

Looking for Oum Kulthum (D/A/I/QAT/LIB 2018) 90 Min. Regie: Shirin Neshat. Ab Donnerstag im Kino.

Der "Stern des Orients": Oum Kulthum (1900 - 1975)

Durch ihre unvergleichliche Stimme und Ausstrahlung wurde die ägyptische Sängerin Oum Kulthum zum Mythos in der arabischen Welt, wo ihr Ruhm mit dem der Maria Callas oder denjenigen der Beatles vergleichbar ist. Die Tochter eines ländlichen Geistlichen begleitete früh ihren Vater bei festlichen Veranstaltungen und sang - als Junge verkleidet - für das Publikum.

In den 1920er Jahren zog sie nach Kairo und von da an stieg ihre Bekanntheit weit über Ägypten hinaus. Dazu trug das Radio massgeblich bei. Oum Kulthums legendäre Konzerte wurden jeden ersten Donnerstag des Monats von Kairo aus live im Radio übertragen und erreichten unzählige Haushalte in der arabischen Welt.

Mit ihrer Leidenschaft vermittelte sie allen, die ihr zuhörten - vom Strassenfeger zum Bankangestellten - ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Kulthum war eine Meisterin des sogenannten Tarab. Im Arabischen wird damit ein musikalisches Erlebnis bezeichnet, mit dem die Sänger und ihr Ensemble das Publikum in einen rauschhaften Zustand von Glücksgefühlen versetzen. Wenn Kulthum ihre verlorene Liebe besang, weinte das Publikum oder stöhnte mit vor Schmerz. An anderen Stellen wiederum sprangen die Zuhörer auf und jubelten der Künstlern lautstark zu.

Die Konzerte von Kulthum waren von epischer Dauer. Die klassische arabische Musik erlaubt den Sängern viel Freiraum für Improvisation und so konnte Kulthum ein Konzert mit wenigen Liedern bis zu mehrere Stunden in die Länge ziehen. (DPO)

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