Ein Blick auf eine verbaute Welt

Unter dem Titel «Im Glauben an Freiräume» zeigt die Kuratorin Dorothee Haarer in ihrer letzten Ausstellung für die Galerie im Bahnhof in St. Gallen Werke des Thurgauer Künstlers Christian Lippuner.

Carmen Baggio Rösler
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Christian Lippuners grossformatige Bilder auf Leinwand sind im St. Galler Bahnhofsgebäude zu sehen. (Bild: David Suter)

Christian Lippuners grossformatige Bilder auf Leinwand sind im St. Galler Bahnhofsgebäude zu sehen. (Bild: David Suter)

ST. GALLEN. Über Freiräume wird vor allem in der Architektur und Raumplanung viel gesprochen. Es sollen frei zugängliche, flexibel genutzte Orte geschaffen und dann «bespielt» werden. Die Galerie im Bahnhof der Klubschule Migros in St. Gallen ist ein solcher Freiraum: Durchgang auf dem Weg zum nächsten Kurs, lädt er auch zum Verweilen ein und ermöglicht Begegnungen mit Menschen und Kunstwerken.

«Okkupation der Topographie»

In diesem offenen Ausstellungssaal präsentiert nun Christian Lippuner seine Werke unter dem Titel «Im Glauben an Freiräume». Neben drei filigranen Radierungen und einem Holzschnitt finden sich neun grossformatige Bilder auf Leinwand. Sie sind in Öl und Acryl gemalt, manche zusätzlich mit Graphit bearbeitet oder mit Collagen aus Zeitungspapier unterlegt. In «Okkupation der Topographie» schlängeln sich parallele Linien in lebhaften, fröhlichen Farben wie Schienenstränge und Höhenkurven, sie werden zu Häuserzeilen, ziehen weiter und durchpflügen die Bildfläche auf verschiedenen Ebenen. Der Bildtitel trägt nun eine Wertung in das Muster hinein: Die vermessene und verbaute Landschaft ist besetztes Gebiet.

Auch beim strengen, rechtwinkligen Häusergitter des Bildes «Wo der Faschismus klammheimlich wuchert» beklagt der Titel den Verlust von gestalterischen und auch geistigen Freiräumen.

Wie Russ auf der Leinwand

Im titelgebenden Bild «Im Glauben an Freiräume» brechen die Häuserlinien aus dem Raster aus und gruppieren sich zu einer Skyline. Die Giebel in der Mitte türmen sich gar zu einer Kathedralfassade auf. Allerdings bleibt auch diese aus Umrisslinien gebauter körperloser Raum. Aus der dunklen Farbe, die sich wie eine Russschicht über die Leinwand legt, tauchen bunt leuchtende und signalfarbene Umrandungen auf. In der Dunkelheit verstecken sich Umrisse von Menschen und geisterhafte Erscheinungen, Gesichter und Gestalten in den Fenstern. Die von mehrschichtigen Strukturen förmlich zugebauten Freiräume bleiben nur als vage Hoffnung in den leeren Hüllen von Gebäuden und Menschen.

Selber nach Freiräumen suchen

Mit dem Titel seiner Ausstellung hat Christian Lippuner seinem Publikum Freiräume in den Kopf gepflanzt, in seinen Bildern verbirgt er sie. Er regt den Betrachter an, selber nach Freiräumen zu suchen – im Bild, in sich und in seiner Umwelt.

Mo–Fr 7–22, Sa 8–16, So 9–16 Uhr; bis 4. Januar; Künstlerapéro: So, 7.12., 14–15.30 Uhr