Ein Blatt aus Nachbars Garten: Anna Ospelts poetisches Prosadébut

In «Wurzelstudien» betrachtet die Liechtensteinerin Anna Ospelt Fundstücke aus der Natur mikroskopisch nahe - und folgt den Spuren des Verlegers Henry Goverts.

Bettina Kugler
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Die Liechtensteiner Autorin Anna Ospelt.

Die Liechtensteiner Autorin Anna Ospelt.

Bild: Ayse Yavas

Der Spaziergang führt zunächst in das Wäldchen, das gleich hinter der sonnenwarmen Steinmauer beginnt. Hier könnten sie stattgefunden haben, die «Wurzelstudien», die dem schmalen Band seinen Titel geben. Tatsächlich wird Anna Ospelt am Ende des langen gemeinsamen Lustwandelns durchs ruhige Vaduzer Quartier, am Fluss entlang und über weite Feldwege, am Waldsaum weiterforschen mit dem Blick der gut verwurzelten, dabei jedoch rege beweglichen Dichterin. Einer Einheimischen, zwischendurch Aus-, dann wieder Eingewanderten.

Anna Ospelt wird im Gehen ein trockenes Blatt entdecken, es aufnehmen und hindurchschauen wie durch das Blatt der Hängebuche im Garten des Verlegers Henry Goverts, in dessen Nachbarhaus sie aufwuchs. Im Buch ist dieses Buchenblatt wie eine Wünschelrute, festgehalten in zarten, impressionistischen Fotografien: Sie führt an Orte, an denen der belesene Büchermensch Goverts Spuren hinterlassen hat. Mit dem Blatt in der Hand geht Anna Ospelt auf ihrer Schreibwanderung Wege ab, die sich im ersten Teil der «Wurzelstudien» zu einer poetischen Biografie des einstigen Nachbarn verdichten. Sie mäandert, lässt sich lustvoll treiben und nimmt die Leserin, den Leser mit auf eine auch sprachlich faszinierende Forschungsreise.

Poetische Heimatforschung in «Lilienstein»

Geboren ist Anna Ospelt 1987 in Vaduz; zeitweilig liess sie ihre Wurzeln wuchern, bis nach Basel, Luzern und Berlin. Inzwischen wohnt sie wieder in Liechtenstein – «Lilienstein», wie sie es im Epilog der «Wurzelstudien» mit romantischer Ironie nennt, damit zugleich verzaubert und belächelt: ein Kleinstaat mit besten Förderstrukturen für versponnene Heimatforscher. Aus Anna Ospelt wird hier in spielerischer Maskerade «Ivy Blum», ihr dichterisches Alter Ego. «Das Ich im Buch ist nicht mit mir identisch», sagt sie; «beim Schreiben verwandelt sich das Wirkliche und Erlebte.»

So hat sie verzichtet auf den floskelhaften Hinweis vieler Romane, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen Zufall seien. «Alles frei erfunden!», pflegte etwa der Schriftsteller Walter Kempowski seinen dokumentarisch genauen Romanen vorauszuschicken. Doch einen Roman will Anna Ospelt vorerst nicht schreiben. Näher liegt ihr die Lyrik und das «Nature Writing», für das sie bereits ein Stipendium der Stiftung Nantesbuch erhielt. Zudem war sie Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin: Das brachte sie beim Schreiben voran und half auf der Suche nach einem Verlag für das fertige Manuskript. Der Zürcher Limmatverlag hat es herausgebracht und kaum etwas daran verändert. «Es ist ein schönes Gefühl, dass es mein Buch geblieben ist», sagt sie.

Beim Zahnarzt, unterwegs und über Bücher gebeugt

Etwas Dokumentarisches hat ihr Vorgehen durchaus: nicht nur, wenn sie Fotos von Wurzeln, Bäumen, den Orten ihrer poetischen, zugleich kulturwissenschaftlich akribischen Recherche einfügt, dazuhin Fussnoten und Kleingedrucktes aus Fachliteratur und Dichtung, aus Briefen des Verlegers Henry Goverts, aus Schriften anderer, die das Porträt des ihr wahlverwandten Nachbarn ergänzen. Sie kennt die Objektivität wissenschaftlicher Verfahren; entsprechend gewissenhaft, von vielen Seiten umkreist Anna Ospelt ihren Gegenstand: Herkunft und Abstammung, wörtlich genommen; Verwurzelung, das wundersame Treiben von Blüten und Blättern.

In «Wurzelstudien» sieht man sie über Fachbüchern aus dem botanischen Institut sitzen, am Mikroskop, unter dem sie, augenzwinkernd, auch den «Sprachtrieb» untersucht. Oder beim Zahnarzt, bei der Feldforschung über Zahnwurzeln, «in Kombination mit der Erforschung von Erinnerungs- und Heimatgefühlen»: So klug lässt sie Ivy Blum oder sich selbst an dieser Stelle reden – auch hier mit Ironie. «Woraufhin er mir erklärte, dass die Krone des Zahns das sei, was man sehe, die Wurzel hingegen sei versteckt, wie Heimatgefühle auch.»

Mag sein, dass sie ihre Wurzeln weit verbreitet hat, bis nach Berlin, der Grossstadt, deren Lebendigkeit und intellektueller Humus ihr ein wenig fehlt im friedlichen «Lilienstein». Dafür hat sie hier ihre Liebe, ihr Wäldchen und Wachstumsmöglichkeiten: Etwa, wenn sie Pläne schmiedet für ein entstehendes Junges Literaturhaus in Vaduz.

Anna Ospelt: Wurzelstudien. Limmat, 128 S., Fr. 28.– / Radio SRF2 Kultur sendet am 7.4. von 11.30-11.50 Uhr eine Lesung und ein Gespräch mit Anna Ospelt.