Ein ausserordentlicher Mensch

Es riecht bei Urban Stoob so, wie es eben nur in einer Steindruckerei riecht: nach Firnissen, Druckfarbe, Terpentin und Petrol.

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Urban Stoob erinnert sich an Antoni Tàpies. (Bild: Ralph Ribi)

Urban Stoob erinnert sich an Antoni Tàpies. (Bild: Ralph Ribi)

Es riecht bei Urban Stoob so, wie es eben nur in einer Steindruckerei riecht: nach Firnissen, Druckfarbe, Terpentin und Petrol. Es ist Abend geworden, und einer der ganz Grossen, die seit langer Zeit im Steindruckatelier an der Feldlistrasse verkehren, sitzt im Übergwändli bei einem Glas Rotwein mit Vreni Stoob in der Ecke und resümiert über die gelungene Arbeit – doch von dieser überraschenden Begegnung soll ein andermal die Rede sein.

Wenn in St. Gallen an Antoni Tàpies erinnert wird, der vor wenigen Tagen in Barcelona verstarb, siehe (Tagblatt vom 8. 2.), denkt man automatisch an die Erker-Galerie und damit verbunden an den Steindrucker Urban Stoob. Er realisierte im Auftrag der Galeristen Franz Larese und Jürg Janett über Jahrzehnte zahlreiche druckgrafische Highlights.

Ein Verbündeter

«La vieillesse c'est un cadeau lourd» – ein Ausspruch von Eugène Ionesco, dem Antoni Tàpies, auf seine Gesundheit bezogen, beipflichtete, als er 1993 das letzte Mal in St. Gallen war. Einmal habe er, der selber immer wieder grosse gesundheitliche Probleme hatte, erzählt, wie er in einem Sanatorium Nägelis Strafrechtsreform gelesen und sich dafür begeistert habe – er war ursprünglich mit einem begonnenen und später abgebrochenen Jusstudium auf dem Weg gewesen, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. Während des Franco-Regimes engagierte sich Tàpies politisch für die Unabhängigkeit Kataloniens. Er nahm, unter teilweise bedrohlichen Umständen, an geheimen Treffen teil.

Tàpies kam in die Erker-Galerie und später dann ins Atelier von Urban Stoob, um seine Ideen umzusetzen. Stoob nannte er seinen Verbündeten, weil er es war, der bereit war, mit ihm druckgrafische Experimente anzugehen und keine Anstrengung scheute, diese auch technisch umzusetzen. Die Lithographie «Empreinte des mains» ist das Resultat einer solchen gemeinsamen Entwicklung. Als Zwischenoriginal diente dabei eine feuchte Seide, die er über die Hände von Stoob legte und dann mit Lithographietusche besprayte, so dass «Schattenhänge» entstanden. Die Tücher wurden getrocknet und in einem komplizierten Verfahren auf den Stein übertragen, der dann als Druckträger diente.

Am Holzschnitt interessiert

Manchmal sei Tàpies bereits mit Entwürfen angekommen, ein andermal hätten sie gemeinsam nach «objets d'inspiration» gesucht. Er habe noch jetzt eine ganze Kiste davon, erzählt Urban Stoob. Er geht voraus ins offene Obergeschoss, zieht Kataloge, Broschüren und Ausstellungsplakate hervor. Erinnerungen steigen auf.

Einmal habe Tàpies bei seiner Ankunft Holzschnitte von Josef Felix Müller bestaunt. Er, der bis zu jenem Zeitpunkt keine Holzschnitte gedruckt hatte, war von der Technik sehr angetan und verspürte Lust, diese sogleich auszuprobieren. «Ich legte ihm eine meiner Tischplatten bereit, besorgte ihm über Mittag eine Winkelschleifmaschine und Tàpies machte sich unmittelbar ans Werk.» Er habe sich für einen Moment entfernt und fand den Meister kurz danach vollkommen mit Holzstaub bedeckt vor seinem Werk; es erhielt später den Titel «Lecteur».

Künstlerisches Neuland

Später entdeckte er auch die Kettensäge als Zeichnungsmittel. Der Galerist Franz Larese habe ihn daraufhin aufgefordert, einige grossformatige Holzschnitte zu realisieren. Entstanden ist daraufhin 1992 die 5teilige «Suite Erker» in einem Grossformat von 1,5 × 2,5 Metern, sie wurden allesamt mit den Füssen gedruckt. Was bleibe, seien zahlreiche gute Erinnerungen an eine intensive Zusammenarbeit mit einem ausserordentlichen Künstler und Menschen.

Brigitte Schmid-Gugler

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