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Ganz nah an einem Unnahbaren - Begegnung mit Arvo Pärt

Der Kultkomponist probte mit dem Tonhalle-Orchester das Antrittskonzert von Chefdirigent Paavo Järvi. CH Media war dabei.
Anna Kardos
Arvo Pärt (links) und Paavo Järvi (rechts) bei der Probe am 1. Oktober in der Tonhalle Maag. Bild: Colin Frei

Arvo Pärt (links) und Paavo Järvi (rechts) bei der Probe am 1. Oktober in der Tonhalle Maag. Bild: Colin Frei

Die kleinste Regung, und schon ist sie da. Die schützende Hand im Rücken. Sie gehört Chefdirigent Paavo Järvi (56), der Rücken dem Kultkomponisten Arvo Pärt (84). Es ist eine Geste voller Menschlichkeit und beinahe das erste, was ich bei der Probe in Zürich zu sehen bekomme. Dieselbe Hand wird einen Tag später jene wuchtigen Klangmassen bändigen, welche Sibelius in seiner Chorsinfonie «Kullervo» aufgetürmt hat. Glanzvoll, gross, aber stets voller Eleganz.

Das Konzert ist die Saisoneröffnung des Tonhalle-Orchesters Zürich. Eine besondere Eröffnung, schliesslich läutet sie die Zusammenarbeit mit dem neuen Chefdirigenten ein. «Der elfte in der 151-jährigen Geschichte des Orchesters», verkündet Intendantin Ilona Schmiel am Eröffnungsabend sichtlich stolz.

Hände, fest wie Stahl aber verpackt in Samt

Viel hat man gehört über diese Hand von Paavo Järvi. Muskelbepackt sei sie, sogar fest wie Stahl, aber stets umhüllt von einem Samthandschuh. «Ich weiss bis heute nicht, was die Kritiker damit meinen», erklärt der estnische Dirigent gegenüber dieser Zeitung bei seinem jüngst vergangenen Gastspiel in Zürich.

Nun wird man Gelegenheit haben es herauszufinden. Viel Gelegenheit: Järvis Vertrag läuft ab 2019/20 für fünf Jahre. Und der 56-Jährige will in Zürich präsent sein: Hörbar, sichtbar und spürbar – gerade auch, weil man letzteres bei seinem Vorgänger Lionel Bringuier vermisste.

Dass er im Rahmen der Saisoneröffnung eigenhändig durch das in Renovation befindliche Tonhallegebäude führt, ist diesem Willen zur Spürbarkeit zuzuschreiben. Ungleich schöner ist es, Paavo Järvi und Komponist Arvo Pärt beim gemeinsamen Proben zuschauen zu dürfen.

Und an diesem Dienstagvormittag, einem Tag vor der Eröffnung, scheint sich die Tonhalle Maag unversehens in eine estnische Insel verwandelt zu haben (das Land im Baltikum zählt real über 2000 davon). Leise und in sanftem Stakkato wird nämlich in der Landessprache diskutiert.

Neben Dirigent Paavo Järvi sitzt Arvo Pärt auf einem Orchesterstuhl. Aber lange hält es den 84-Jährigen da nicht. Schon steht der hochgewachsene Mann erstaunlich behende auf: «Vielleicht ist das zu laut», sagt er leise.

«Vielleicht» ist ein Wort, das Arvo Pärt oft verwendet

«Vielleicht» ist ein Wort, dass Arvo Pärt ohnehin oft verwendet. Etwa, wenn er um mehr Form in der Musik bittet. «Sie entwickelt sich und sie verschwindet», erklärt er den Instrumentalisten des Tonhalle-Orchesters Zürich und beantwortet damit gleichzeitig eine meiner lang gehegten Interview-Fragen an ihn: Wie man seine Musik spielen soll, die sich aus vielen kleinen Mustern zusammensetzt.

Kontemplativ wie ein Naturphänomen oder mit Willen zu Form und Richtung? Im soeben zu probenden Werk «Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte...» ist es eindeutig letzteres.

Interviews gibt der medienscheue Komponist so gut wie nie. Als ich ihm spontan beim Verstauen der Noten in die volle Aktentasche helfe und dabei frage, wie schwierig es für das Orchester sei, seine transparente Musik zu spielen, holt Arvo Pärt tief Luft und antwortet: «Nu ja». Ich hake nach: Dass eine einzelne Bratsche hinten im Orchester das Stück solistisch beginne, sei geradezu gewagt. Ich schaue erwartungsvoll, Pärt überaus freundlich. Schliesslich meint er nur: «Nu ja».

Was eine Journalistin enttäuscht, gilt in Estland offenbar als Antwort auf alle Fragen des Lebens, wie ich von Einheimischen erfahre. «Nu ja» ist also wie Theodor Fontanes «Das ist ein zu weites Feld» – bloss mit noch weniger Worten. Das passt zur Musik von Pärt, die sich ebenfalls auf wenige Töne beschränkt.

Doch in seinem eigens für Zürich neu bearbeiteten und an der Saisoneröffnung uraufgeführten Werk summt und flirrt es. Die erste Hälfte ist ungewohnt voll von Spannung, Vorhalten und Chromatik – wohl auch wegen der vier chromatischen Tönen B-A-C-H, die das Stück strukturieren.

Das Tonhalle-Orchester lässt es sich nicht nehmen, zu sirren und ja, auch zu schwelgen. Denn: Man könnte das Werk unter leisen Kitsch-Verdacht stellen, wenn Arvo Pärt selbst nicht komplett unkitschig wäre.

Musik mit Kitschverdacht?

Aber möglicherweise hat Kitsch im hohen Norden eine andere Bedeutung. Schliesslich spart auch Sibelius in seiner Orchester-Saga «Kullervo» nicht an Pathos, wenngleich dieses von ganz anderem Kaliber ist.

Und der neue Chefdirigent Paavo Järvi? Er lässt die Schwere der Musik zu, bringt sie zum Glänzen – beinahe in der Art amerikanischer Orchester – und unterstützt von der souveränen Sopranistin Johanna Rusanen und Ville Rusanen als Kullervo. Vor allem aber hält er die Kräfte und Klangmassen in schönstem Gleichgewicht. Da ist nichts Willkür, nichts forciert, nichts dressiert.

Viel war über die vermeintlich eisern-samtbepackte Hand Järvis zu lesen. An diesem Abend gelingt es ihr tatsächlich, die Schwere der Musik zu modellieren, als handle es sich dabei um etwas Feines und Leichtes. Und als zum Schluss, beim begeisterten Applaus, eine Zuhörerin mit einer Schachtel Schweizer Pralinen an den Bühnenrand tritt – da wandert diese Hand wie unwillkürlich zu Paavo Järvis Herzen.

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