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Ein Altrevoluzzer mit Hang zum Pathos

Christian Labharts Kino-Essay «Passion – Zwischen Revolte und Resignation» ist eine bildgewaltige Reflexion über den bedauernswerten Zustand der Welt. Geschaffen von einem, der 50 Jahre nach 1968 immer noch die Revolution herbeisehnt.
Geri Krebs
Abfallhalden stehen symbolhaft für den Zustand der Welt. (Bild: PD)

Abfallhalden stehen symbolhaft für den Zustand der Welt. (Bild: PD)

«Ich freue mich, Ihnen einen Film als Weltpremiere präsentieren zu dürfen, in den wir von der Auswahlkommission uns augenblicklich verliebten.» Man glaubte, vor zehn Tagen ein Raunen im ausverkauften grossen Saal des Festivals Visions du Réel von Nyon zu vernehmen, worauf Moderator Gion A. Nazzaro lächelnd anfügte: «Genauso wie wir uns auch in die anderen 14 Filme des internationalen Wettbewerbs verliebt haben.» Natürlich hatte das Raunen damit zu tun, dass Christian Labharts neuer Film vier Monate zuvor von der Auswahlkommission der Solothurner Filmtage abgelehnt worden war, was ja dann im Januar in Solothurn zu Diskussionen führte.

Grosse Sätze aus dem ­Tagebuch

«Wirklich, ich lebe in fin- steren Zeiten! ... Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen.» Mit Bertold Brechts Gedicht «An die Nachgeborenen», 1938 im Exil während der Naziherrschaft verfasst, und hier in einer historischen Aufnahme von ihm selber gelesen, beginnt «Passion». Worauf der Film in die Gegenwart springt und man marschierende Hundertschaften von Polizisten am G20 Gipfel vom Juni 2017 in Hamburg sieht, untermalt von Bachs «Matthäus-Passion». Dann erzählt eine Off-Stimme, bebildert mit Archivaufnahmen vom Zürcher Globus-Krawall, von «Erinnerungen an einen Sommer vor 50 Jahren, als alles begann» – um dann Sätze zu sagen wie: «Vor meinen Füssen lag die Welt, die mich aufforderte, alles zu verändern» oder:

«Es ist eine totalitäre Warengesellschaft, die unser Leben bestimmt.»

Die Sätze stammen aus Christian Labharts Tagebüchern – und Pathos und Willen zur grossen Geste, welche die fol-genden 80 Minuten bestimmen, sind damit vorgegeben. Natürlich kann man Christian Labhart dafür kritisieren, andererseits kann man ihm für diesen ziemlich unschweizerischen Mut zum Pathos auch eine gewisse Bewunderung aussprechen. Sehr schweizerisch dagegen ist die vornehme Zurückhaltung, wenn es darum geht, etwas darüber zu erfahren, warum Labhart – der rund um die Auseinandersetzungen in Solothurn wiederholt betont hatte, dieser Film sei sein persönlichster – zu dem Ideologen geworden ist, als den er sich selber unumwunden bezeichnet. Es ist in diesem Zusammenhang hilfreich, kurz auf seine realisierten – und auch auf seine nicht realisierten – Filme zu blicken.

Lieber Filme über linksrevolutionäre Themen als über Künstler und Pädagogen

Der 1953 geborene Regisseur ist filmischer Autodidakt und wurde bekannt durch Filme wie «Appassionata» (2012) oder «Giovanni Segantini – Magie des Lichts» (2015). Mit letzterem landete Labhart gar einen der erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilme. Doch lieber als diese Filme über Künstler, Musik und Pädagogik hätte er, der lange als Lehrer arbeitete, seine cineastischen Energien in linksrevolutionäre Sujets gesteckt. Das verriet er kürzlich in einem Interview. Er habe Filme geplant über die linksradikale Gruppierung «Revolutionärer Aufbau», oder über den als «Ökoterroristen» bekannten Marco Camenisch – der so lange wie kaum ein anderer in der Schweiz im Gefängnis sass – sowie einen über dessen Anwalt Bernard Rambert.

Ein Film über das eigene Rebellieren

Doch keines dieser Projekte liess sich realisieren. Dies unter anderem, weil die angefragten Protagonisten nach einiger Bedenkzeit sich seinem Ansinnen verweigerten. Mit dieser Vorgeschichte versteht man besser, wie viel Herzblut Labhart nun in «Passion» steckte: Wenn schon nicht ein Film über andere Revolutionäre, dann wenigstens ein Film über sein eigenes Revoltieren und das grosse Weltgeschehen.

Und bei aller Kritik muss man zugestehen, dass die Tableaus, die Labhart zusammen mit seinen Kameramännern, dem kürzlich verstorbenen Pio Corradi und dem jungen Simon Guy Fässler, geschaffen hat, etwa von den Freizeitwelten in Dubai oder Kreuzfahrtschiffen in Venedig, grosse Klasse sind. Sie strahlen eine überwältigende Kraft aus, sagen viel über Labharts Wut angesichts der Zustände auf unserem Planeten aus. Und auch die klugen Sätze solch brillanter Denker wie Slavoj Zizek, Guy Debord oder Franco Bifo Berardi hallen lange nach. Und dennoch machen grossartige Bilder und clever montierte Zitate grosser Denker noch keinen grossen Film.

Christian Labhart präsentiert seinen Film am Mi, 17. 4., 20 Uhr, in St. Gallen im Kinok und am Do, 18.4., 19 Uhr, im Stadtkino, Luzern

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