Ein absurdes russisch-amerikanisches Leben

Zwar hatte der russisch-jüdisch-amerikanische Autor Igor «Gary» Shteyngart schon mit seinem Début «Handbuch für den russischen Debütanten» (2002) und zwei weiteren Romanen viele abenteuerliche Geschichten über Aussenseiter erzählt, die mit einem Kultur-Clash zwischen der alten Sowjetunion und

Bernadette Conrad
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Gary Shteyngart: Kleiner Versager. Rowohlt 2015, 474 Seiten, Fr. 31.90.

Gary Shteyngart: Kleiner Versager. Rowohlt 2015, 474 Seiten, Fr. 31.90.

Zwar hatte der russisch-jüdisch-amerikanische Autor Igor «Gary» Shteyngart schon mit seinem Début «Handbuch für den russischen Debütanten» (2002) und zwei weiteren Romanen viele abenteuerliche Geschichten über Aussenseiter erzählt, die mit einem Kultur-Clash zwischen der alten Sowjetunion und der neuen Welt Amerika fertig werden müssen. In wilden Phantasien und Science-Fiction-Konstruktionen hat der 1972 in Leningrad geborene Autor das Material seiner eigenen Lebensgeschichte verarbeitet. In «Kleiner Versager» hat Shteyngart nun detailgenau seine Kindheit in Russland rekonstruiert, die Auswanderung als Sechsjähriger nach Amerika und das langsame, mühsame Ankommen.

Erster Roman als Fünfjähriger

Im Mittelpunkt steht die Kindheit. Das liest sich zwar lustig – war aber alles andere als das. Als einziges Kind inmitten von lauter Erwachsenen war der kleine Igor ein schwächliches, asthmatisches Kind: einerseits überängstlich behütet, andererseits vom Vater geschlagen, «Schwächling» und «Rotznase» genannt. Aber Igors Wissbegier und Begeisterungskraft sind riesig: Schon der Fünfjährige schreibt seinen ersten Roman: «Lenin und die magische Gans». Das Schreiben wird zum Zaubermittel, nicht zuletzt gegen die sich ständig wüst streitenden Eltern. Als die Familie 1978 wie Hunderttausende andere Juden aus Russland in die USA auswandern durfte (im Gegenzug lieferte der amerikanische Präsident Jimmy Carter Weizen und Spitzentechnologie), war der Übergang von der russischen «Schwarzweiss-Welt» in die grelle «Farbfernseher-Welt» der USA für Igor alles andere als leicht. Auf der jüdischen Schule in New York fehlten ihm – der sich nun Gary nannte – mit Englisch und Hebräisch sämtliche Schlüssel für die neue Welt. Shteyngart sagt dazu: «Natürlich gab es glückliche Momente, aber meist war es ein ungeheuer angespanntes Lebensgefühl, teils in dieser speziellen Familie, teils wegen der Emigration; es war immer ein Leben auf der Kippe.»

Meisterhaft komisch und absurd

Was Gary Shteyngart in diesem vierten Buch zur Meisterschaft gebracht hat, ist die Fähigkeit, auf die eigene Geschichte mit so viel Sinn für Witz und Absurdes zu blicken, dass er seine Leser sofort gewinnt. Humor, sagt er, sei das wichtigste kulturelle Erbe der Juden; eine Verteidigung, ein Werkzeug zum Überleben, mit dem man auch hervorragend unterhalten kann. Shteyngart hat der amerikanischen Immigrantenliteratur ein wichtiges Buch hinzugefügt. Er geht offen und schonungslos mit den Eltern und mit sich selbst um. Und am Ende der Lektüre hat man viel über sie alle und ihre überaus komplizierten Vorgeschichten gelernt. Mitten im Kalten Krieg das Lager zum Erzfeind Amerika zu wechseln – auf der Suche nach einem neuen Zuhause, das ist eben alles andere als eine Kleinigkeit.