Ein Abend zum Schmunzeln

Morgen Samstag hat in der St. Galler Lokremise Beate Vollacks Tanzstück «Nüwürüsütät» Premiere. Es kombiniert die Musik von Bohuslav Martinu mit Texten von Daniil Charms.

Rolf App
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Soll man den Apfel essen? Die Evas und der Baum der Erkenntnis. (Bild: Mario Perricone)

Soll man den Apfel essen? Die Evas und der Baum der Erkenntnis. (Bild: Mario Perricone)

ST. GALLEN. Mit der Belagerung von Leningrad durch die Deutschen hat eine der schrecklichsten Episoden des Zweiten Weltkriegs begonnen. Im Gefängniskrankenhaus stirbt im Februar 1942 ein Mann an Unterernährung, der in seinem nur gerade 37 Jahre währenden Leben viele Namen getragen hat.

Charms' Werk wird gerettet

Einer dieser Namen: Daniil Charms. Ausser Kindergeschichten und zwei Gedichten hat Charms zu Lebzeiten nie etwas publizieren dürfen. Sehr früh hat die stalinistische Diktatur beschlossen, dass so viel Phantasie nicht sein darf. Im August 1941 fand bei ihm eine Hausdurchsuchung statt. Doch sind nur vier der rund fünfzig Notizbücher beschlagnahmt worden – wohl weil man ihren Inhalt für die Kritzeleien eines Geistesgestörten hielt. Den Rest rettete ein Freund aus der halb zerbombten Wohnung.

Es sind Texte von eigenartigem, skurrilem Zauber, von dem man sich ab morgen in der St. Galler Lokremise bei «Nüwürüsütät» überzeugen kann, einem Tanzstück von Beate Vollack nach Texten von Daniil Charms. Über Umwege ist die St. Galler Tanzchefin auf ihn gestossen. «Wie andere Theater der Schweiz wollten auch wir zu Bohuslav Martinus 125. Geburtstag etwas machen», erzählt sie in der Probenpause. «Martinu hat grossartige Tanzmusik komponiert, sogar mit Chören.»

Texte zu Martinus Musik

In der Lokremise übernehmen die Tänzer die Rolle der Chöre, und Stéphane Fromageot hat Martinus Ballett «Špalícek» für zwei Klaviere arrangiert und versucht, auf ihnen die Klangfarben des Orchesters wiederzugeben. In einem nächsten Schritt hat Beate Vollack nach Texten gesucht und ist auf Charms gestossen.

«Seine Texte sind absurd und witzig, sie passen gut zu dieser Musik», sagt sie. «Ich hab' jedenfalls sofort Tanz gesehen.» Sogar «Nüwürüsütät», der Titel, stammt von Charms. So ist eins zum andern gekommen, und Beate Vollack ist mit Martinus Musik joggen gegangen. Sie hat versucht herauszufinden: Ist das jetzt ein Solo, ein Pas-de-deux, oder klingt es nach vielen Leuten? Mehr noch: Nach wem klingt es. «Jeder Tänzer ist anders. Bei der Nummer vom Paradies zum Beispiel, da habe ich sofort Lorian Mader als unschuldigen Adam gesehen.»

Das Theater – ein Sandkasten

«Wahrscheinlich wundern Sie sich über den Titel», erklärt sie das «W» in «Nüwürüsütät», dem Nonsens-Titel, an den man keinerlei Erwartung knüpfen kann. «Aber, wenn Sie Charms gelesen haben, wundert Sie nichts mehr. Übrigens sollten Sie auch nicht versuchen, das Geschehene und Gehörte in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Es gibt keinen.» Und unter «T» vermerkt sie: «Theater ist für den Regisseur, was der Sandkasten für das Kind ist.»

«Könnt ihr das noch schneller?»

Voilà, Sandkasten. Einen überdimensionierten Sandkasten hat Dieter Eisenmann in die Lokremise gestellt. Ursprünglich wollten sie ihn tatsächlich mit Sand füllen. Aber Sand ist zu schwer, um darin zu tanzen. Also sind es jetzt kleine Korkstückchen. Den Tänzerinnen und Tänzern macht es ebenso Spass wie Christian Hettkamp, der die Texte spricht und auch mal in die Luft gehoben wird.

Auch die zwei Pianisten, Stéphane Fromageot und Paul Lugger, machen mit Eifer mit, obwohl Beate Vollack immer wieder sagt: «Könnt ihr das noch schneller?» Dabei ist «Špalícek» schon schnell und munter genug. Aber alles muss ja passen zu den Bewegungsabläufen. Auch Rolf Irmers Lichtstimmungen, die sie an diesem Mittag der Reihe nach ausprobieren. «Ich habe mich getraut, buntes helles Licht zu nehmen, was sonst nicht so mein Ding ist», erzählt Beate Vollack in der Pause. Der Abend soll heiter und lustvoll werden, eine «Herbst-Unterhaltung», wie sie sagt. Die Zuschauer sollen schmunzeln.

«Ihn hat man dumm gehalten»

Zum Beispiel darüber, wie Adam Himbeeren pflücken geht, während Eva gerne wissen würde, wie die Äpfel schmecken von diesem Baum der Erkenntnis, die Adam ihr verboten hat. Meister Leonardo bringt sie auf den Geschmack, er liebt sie und will auf ihr reiten, «aber du darfst es Adam nicht sagen». Leonardo weiss auch, was los ist mit Evas Partner: «Er ist wenig herumgekommen in der Welt und hat nichts gesehen. Ihn hat man dumm gehalten. Und dasselbe macht er jetzt mit dir.»

Premiere: Sa, 24.10., 20 Uhr, Lokremise