Eigenwillige Figuren

Clara Kanervas Roter Falter handelt von einem seelisch unterernährten Kind. Morgen ist Vernissage in Kreuzlingen.

Bernadette Conrad
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Von der Psychotherapeutin Greta Schwarz wird in Clara Kanervas Roman «Roter Falter» gesagt, ihre Haut sei «nicht dicker, sondern eher dünner und durchlässiger geworden». Sie habe in diesen langen Jahren für sich auch gelernt, dass ein striktes Befolgen aller Berufsregeln eher einen Verlust als einen Gewinn an Menschlichkeit zur Folge habe.

Zwei Vorgängerromane

Einige der wesentlichen Themen des Buches sind damit genannt, das morgen Freitag in Kreuzlingen Vernissage hat.

Outi Lintu, die junge, finnischstämmige Ärztin, deren Wege man bereits in den beiden vorangehenden Bänden «Rabenblau» und «Die Grüne vom Meer» verfolgen konnte, hat im Zuge ihrer Ausbildung Therapiestunden bei Greta Schwarz. Aber anders als in dem kleinen Schweizer Dorf und der finnischen Insel, den Schauplätzen der vorigen Bücher, nimmt Outi in Leipzig eher als Gast und vom Rande her am Geschehen teil.

Wie ein Aschenbrödel

Im Zentrum steht die 15jährige Aglaja, die mit Mutter Cynthia und der älteren Schwester Lysandra, einer hochbegabten Eiskunstläuferin, in einer spannungsgeladenen Konstellation zusammenlebt. Da Cynthias Leben sich fast ausschliesslich um Lysandras sportliche Erfolge dreht, platzt der auf die Küchenbank verbannten, wie ein Aschenputtel fleissig kochenden Aglaja irgendwann der Kragen.

Sie reisst aus. Von jetzt an spielt das Buch teils in der «Unterwelt» der geheimnisvollen verlassenen und halb verfallenen Leipziger Häuser, der jugendlichen Sprayer und anderer Nachtfiguren und spürt dort deren unterschiedlichsten Einsamkeiten und Leidenschaften nach. Wenn man sich nur genug Mühe mache, könne man irgendwann jedes menschliche Verhalten verstehen, heisst es einmal, und auch dieser Satz scheint nicht nur ein Credo, sondern auch ein Motor zu sein, der die Autorin höchst eigenwillige Figuren und auch das eigenartige, letztlich lebensbedrohliche Hobby eines jungen Autisten entwerfen lässt, dessen Lebensgeschichte bis zu seiner Kindheit in Indien zurückverfolgt wird.

Die Wege des Lebens

Auch in Aglaja tobt das unterversorgte, seelisch unterernährte Kind. Aber da es dem Buch um die komplexen Wege des Lebens geht, wird bald klar, dass die gehätschelte Eislauftochter im Grunde die Bedauernswerte ist, die 19jährig noch keinen Begriff von Freiheit entwickeln konnte, während Aglaja langsam, entschlossen, trotzig ihre Raupenhaut sprengt.

Kriminalistische Spannung

Wie schon in den früheren ist auch in diesem Buch die Handlungsspannung auch eine kriminalistische. Tapfer und entschlossen begibt sich Aglaja in Gefahren, die ihre Kräfte übersteigen. Doch Clara Kanerva schafft es, ihr – vielleicht – grösstes Anliegen nicht der kriminalistischen Spannung zu opfern, sondern eine eigene, unabhängige Spannung in jene Entwicklungsgeschichten zu verlegen, die von Menschen und ihren höchst kreativen Auswegen aus seelischer Not handeln.

Clara Kanerva: Roter Falter, Neptun Verlag 2013, 312 S. Fr. 34.– Buchvernissage: Morgen, 19 Uhr, Museum Rosenegg, Bärenstrasse 6, Kreuzlingen