EHRUNG: Mehr drauf, als es scheint

Zum 20. Mal wird heute der Schweizer Filmpreis verliehen. «Die göttliche Ordnung» ist mit sieben Nominationen der Favorit. Darunter ist Marie Leuenberger, die als beste Hauptdarstellerin im Rennen ist.

Andreas Stock
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Für ihre Rolle in «Die göttliche Ordnung» ist die in Berlin lebende Basler Schauspielerin Marie Leuenberger für den Schweizer Filmpreis nominiert. (Bild: GUILLAUME HORCAJUELO (EPA))

Für ihre Rolle in «Die göttliche Ordnung» ist die in Berlin lebende Basler Schauspielerin Marie Leuenberger für den Schweizer Filmpreis nominiert. (Bild: GUILLAUME HORCAJUELO (EPA))

Andreas Stock

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@tagblatt.ch

«Nora Ruckstuhl ist eine durchschnittliche Hausfrau ohne Ambitionen, aber es schlummert in ihr ein Gerechtigkeitsempfinden. Es wird durch die Situation 1971 geweckt», sagt Marie Leuenberger über ihre Rolle in «Die göttliche Ordnung». Die 37-jährige Schauspielerin vermittelt in der Komödie eindrücklich, wie aus der gesellschaftlichen Enge jener Zeit Noras Wunsch nach Selbstbestimmung wächst.

Nora, mit der Leuenberger für einen «Quartz» nominiert ist, scheint eine typische Rolle für die in Basel aufgewachsenen Schauspielerin. Sie verkörpert oft Frauen, die zuerst etwas burschikos, unsicher oder labil erscheinen, sich dann aber als tatkräftiger und selbstbewusster erweisen, als man dachte. Auch Nora blickt zunächst mit ihren grün-braunen Augen ruhig, manchmal etwas verträumt ins Leben. Doch dann wird ihr Blick selbstbewusster, forscher, und ihre physische Präsenz wächst. Wie sie diesen Wandel spielte, erklärt Marie Leuenberger so: «Es gibt eine Schauspiel-Methode, nach der man sich ein Tier überlegt, das der Rollenfigur entspricht. Bei der Vorbereitung für Nora bin ich nicht auf ein Tier gekommen, sondern auf eine Pflanze. Sie will einfach nur wachsen, und das hat körperlich ja wenig mit Bewegung und Gesten zu tun.»

Vor der «Standesbeamtin» bereits ein Theaterpreis

Acht Jahre sind seit ihrer Rolle in «Die Standesbeamtin» vergangen, für die sie 2010 bereits mit einem «Quartz» ausgezeichnet wurde. Es war ihre erste Kinorolle, und die damals 29-Jährige galt als Entdeckung. Regisseur Micha Lewinsky wusste freilich genau, wen er für die Rolle der Beamtin und Mutter Rahel Hubli verpflichtet hatte. Im Schauspielhaus Hamburg bekam sie da bereits viel Aufmerksamkeit. Sie wurde für ihre darstellerische Bandbreite und «intensive Ausstrahlung» ebenso gelobt wie für «die Sensibilität bei der Verkörperung ihrer Rollen». 2007, nach zwei Jahren in Hamburg, gewann sie den Förderpreis der Freunde des Deutschen Schauspielhauses.

Die Leidenschaft für die Bühne wurde früh geweckt; im Alter von 16 Jahren begann sie einen Schauspielkurs in Basel. «Ich hatte vorher Ballett getanzt, Handball und Klavier gespielt, das alles habe ich gern gemacht, aber beim Theater ist eine Leidenschaft explodiert», sagte sie im «Annabelle»-Interview 2009. Es folgten drei Jahre Schauspielausbildung in München, wo die 22-Jährige als eine von zwei Absolventinnen ins Ensemble des Münchner Residenztheaters aufgenommen wurde. Doch dort war sie nicht glücklich. Nach einem kurzen Engagement in Stuttgart wechselte sie ans Schauspielhaus Hamburg.

Nach dem Erfolg mit «Die Standesbeamtin» wurden Fernseh- und Kinoengagements immer häufiger. Es folgte unter anderem die Hauptrolle in der Schweizer TV-Komödie «Verstrickt und zugenäht». Im Kino spielte sie eine tragende Nebenrolle in «Dreiviertelmond» als entfremdete Tochter eines vom Leben verbitterten Taxifahrers. Und in der Komödie «Wer’s glaubt, wird selig» die Tochter einer grantigen Mutter, die nach ihrem Tod heilig gesprochen werden soll. Eine etwas ernstere Rolle hatte sie im Kinofilm «Schwestern» als jüngste Tochter einer säkularen Familie, die in ein Kloster eintreten will. Für ihre Verkörperung einer geheimnisvollen Jungschauspielerin im TV-Krimi «Hunkeler und die Augen des Ödipus» erhielt sie 2013 den Schweizer Fernsehfilmpreis.

In ernsten Rollen und in Komödien

Bereits viermal hat die zweifache Mutter, die mit ihrer Familie in Berlin lebt, im deutschen TV-Thriller «Neben der Spur» mitgespielt. In der Reihe um einen Psychiater (Ulrich Noethen) verkörpert sie die Polizistin Anna Bartholomé. Eindrücklich auch ihr Auftritt im TV-Krimi «Unter anderen Umständen – das verschwundene Kind»: hier als eine überforderte, alleinerziehende Mutter, deren kleiner Sohn spurlos verschwindet.

Solch ernste Rollen in Fernsehen und Kino wechseln sich immer wieder mit komödiantischen Auftritten ab, die Marie Leuenberger mindestens so gut liegen. Zuletzt bewies sie das auch in der absurden Klamauk-Kinokomödie «Schubert in Love» mit Olaf Schubert. Aus der Klischeerolle der anfangs verschupften Biologin Pamela mit grosser Brille hat sie herausgeholt, was möglich war, um die Figur interessant zu machen.