Ehelicher Schlagabtausch

Eine amüsante Schau des Basler Cartoonmuseums widmet sich dem Schaffen des Comic- Ehepaares Aline Kaminsky-Crumb und Robert Crumb. Bald erscheint ihr Band «Drawn Together».

Hans Keller
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Irrwitzige Szenen einer Ehe: Cover des Bandes «Parlez-moi d'amour!». (Bild: pd)

Irrwitzige Szenen einer Ehe: Cover des Bandes «Parlez-moi d'amour!». (Bild: pd)

In der frühen Hippiezeit, also um 1967 herum, floss der Geist der Befreiung von Konventionen auch in die Comics. Unter den U-Comix-Zeichner genannten Exponenten der Szene war der 1943 geborene Robert Crumb der erfolgreichste; er gründete 1967 mit «ZAP» das erste U-Comix-Magazin. Tabubruch durch Darstellung expliziter sexueller Phantasien und dergleichen mehr empfand Crumb geradezu als Pflicht: Grosse weibliche Hintern, dralle Schenkel, furzende verquere Philosophen wie den langbärtigen Mr. Natural brachte Crumb mit seinem markanten Strich genüsslich aufs Papier. Aus den Stories um den ewig lüsternen Kater Fritz The Cat entstanden in den frühen 70ern zwei erfolgreiche Trickfilme.

Comics als Katharsis

Crumb eckte bald bei militanten Feministinnen an. Auf einer in der Ausstellung im Basler Cartoonmuseum präsentierten Comicseite stellte er sich der Konfrontation. Panel für Panel dem Leser zugewandt, argumentiert er in den prallgefüllten Sprechblasen wortreich, dass er eigentlich Verständnis für die Belange der Feministinnen habe. Man dürfe jedoch nicht Kunst mit Realität verwechseln, und er bringe, verdammt nochmal, alles zu Papier, was ihm in den Kram passe, auch exzessivste Sex-Phantasien. Solche Comics seien als Katharsis absolut legitim.

Dann lernte Robert Crumb die Comiczeichnerin und Malerin Aline Kaminsky kennen, mit der er heute verheiratet ist. Sie hatte sich 1971 in San Francisco dem Kollektiv «Women's Comix» um die schärfste Crumb-Gegnerin Trina Robbins angeschlossen. Man könnte sie als differenzierte Feministin bezeichnen, die um alle kontroversen Fakten des (Liebes-)Lebens weiss. Sex ist für beide wichtig, und Aline brachte vor Crumb zahlreiche Männergeschichten hinter sich.

Es endet in handfestem Sex

Solches wird im Zusammenwirken mit Robert aufgearbeitet. Seit 1974 waschen Aline & Bob unter dem Titel «Dirty Laundry» gemeinsam schmutzige Wäsche. Gleich auf der einleitenden Seite von «Let's Have A Little Talk» deutet Aline auf die Unterschiede in den Stilen hin, denn die beiden zeichnen sich stets selbst. Aline jammert über ihre kinderbuchartig naiven Zeichnungen und darüber, dass Crumbs professioneller Comic-Duktus allein für den Erfolg des Teamworks sorge. Worauf man in der Ausstellung Zeuge der oft irrwitzigen Konflikte des Paares wird, die häufig in handfesten Sex münden, wobei sich Aline als die physisch überlegene erweist; der Gatte rotiert auf ihren Händen wie ein Helikopterflügel, oder er fliegt in die Ecke.

Die Konflikte sind kaum je intellektueller, sondern meist praktischer Natur. Das Gewicht Alines spielt dabei nicht selten eine zentrale Rolle. Schlagabtausch folgt auf Schlagabtausch. Obschon Sexualität ein zentrales Thema bleibt, verschiebt sich der Fokus der Konflikte später zusehends. Nicht zuletzt seit 1981, dem Geburtsjahr von Tochter Sophie. Ihr eigenwilliges, aufgewecktes Wesen bestimmt nun den Alltag. Ausserdem zog man in den frühen 90ern nach Südfrankreich und versucht, heimisch zu werden. Die permanenten Diskussionen um Fitnessfragen, den Wert der Comics – beide spielen immer wieder mit dem Gedanken, aufzuhören – und das von Liebe und Hass bestimmte Zusammenleben bleiben jedoch in amüsantester Weise erhalten.

Bis 13. November 2016. Infos: www.cartoonmuseum.ch