Egoistisch, gierig, prinzipienlos

Empire Falls – so heisst vielsagend jene Kleinstadt in Neuengland, in die der amerikanische Autor Richard Russo sein komplexes Drama der Familien- und Beziehungsverflechtungen verlegt. Der Held im Gesellschaftsroman ist eher ein sympathischer Anti-Held.

Bernadette Conrad
Merken
Drucken
Teilen
Richard Russo, Diese gottverdammten Träume. Dumont-Verlag 2016, 720 S., Fr. 35.80

Richard Russo, Diese gottverdammten Träume. Dumont-Verlag 2016, 720 S., Fr. 35.80

Empire Falls – so heisst vielsagend jene Kleinstadt in Neuengland, in die der amerikanische Autor Richard Russo sein komplexes Drama der Familien- und Beziehungsverflechtungen verlegt. Der Held im Gesellschaftsroman ist eher ein sympathischer Anti-Held. Obwohl Miles Roby mal Ambitionen hatte und auswärts studierte, war er ans Sterbebett seiner Mutter zurückgekehrt und blieb dann in Empire Falls hängen.

Gut, dass es ihn hier gibt

Das hatte auch mit Mrs. Whiting zu tun, der Witwe des reichsten Mannes weit und breit, die ihm damals das Angebot machte, das örtliche Restaurant «Empire Diner» zu führen.

Das tut er Jahrzehnte später immer noch, und nur ab und zu blitzt der Gedanke auf, dass er für seine eigene und die Zufriedenheit seiner geliebten Tochter Tick vielleicht etwas Grundlegendes im Leben ändern müsste. Und doch: Auch wenn Janine, seine Frau und Ticks Mutter, sich von Miles zugunsten des sexuell potenteren Aufschneiders Walt getrennt hat; auch wenn Miles' jüngerer Bruder David ihm seine kompromisshafte Schwäche irgendwann schmerzhaft unter die Nase reibt: Man ist als Leserin froh, dass es ihn in Empire Falls gibt. Denn: «Die meisten Menschen, war er zum Schluss gekommen, waren egoistisch, gierig, prinzipienlos, käuflich und von einer unverbesserlichen Selbstgefälligkeit.» Man muss im Buchkontext Miles' deprimierende Einschätzung teilen – und gleichzeitig zugeben, dass er selbst zwar anders tickt, aber auch nicht entschlossen genug ist, die Macht der Hinterhältigen und Egozentrischen einzuschränken. Auch Ortspolizist Jimmy, der in einem Gespräch mit Miles mal sagt: «Weisst du, wer Mr. Empire Falls ist? Ich. Der Letzte, der hier weggeht und das Licht ausmacht.»

Mit spöttischem Witz

Die Botschaft ist eindeutig: Das Kleinstadtleben soll so bleiben, wie es immer war, und sein Auftrag als Polizist ist nicht zuletzt, jene Intrigen zu verteidigen, die ihm und den Seinen seit Generationen Vorteile verschaffen. Der Hinterwäldler und Ignorant wird siegen: Diese bittere Note geistert durch Russos Roman. Die Gefahr liegt damit auf der Hand: Leicht könnte daraus eine Schwarz-Weiss-Geschichte werden – letztendlich ein langweiliges, weil erwartbares Erzählgebäude. Das passiert Russo nicht. Die Qualität des Romans liegt im Gegenteil in einer differenzierten Figurenzeichnung und seinem spöttischen Witz, der immer wieder zynisch und bitter, meist aber einfach als intelligenter Sprachwitz daherkommt.

Zum Glück ist der 2002 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman endlich im Deutschen angekommen – gut übersetzt, leider nicht unter dem fast zwingenden Originaltitel. «Empire Falls» ist der erfolgreichste von Richard Russos mittlerweile neun Romanen; er wurde auch mit Paul Newman, Joanne Woodward und Philip Seymour Hoffman verfilmt.